Zurück   Ahnenforschung.Net Forum > Ehemalige deutsche (Siedlungs-)Gebiete > Baltikum Genealogie
Hier klicken, falls Sie Ihr Kennwort vergessen haben.

Hinweise

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen Ansicht
  #11  
Alt 24.04.2010, 17:40
Helen Helen ist offline weiblich
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 04.02.2010
Ort: Ost-Westfalen
Beiträge: 164
Standard

Hallo Frank, das war ja eine schreibfreudige emanzipierte Dame und das schon 1903! Sie ließ ihre Familie in England begeistert an ihrem Leben in Riga teilhaben. Und AlAvo hat sogar noch die Straßenkarte geliefert. Super und Dank an euch!
Helen
Mit Zitat antworten
  #12  
Alt 26.04.2010, 11:43
Benutzerbild von Frank K.
Frank K. Frank K. ist offline männlich
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 22.11.2009
Ort: Crailsheim
Beiträge: 1.242
Standard

Fragment, ca. 15.09.1903

Da gestern mein Geburtstag war, versprach mir Rudolf, mich zu einem Konzert mitzunehmen.. Als er aus dem Büro kam, war es aber so spät, daß es sich nicht gelohnt hätte. Wir gingen spazieren und saßen statt dessen in der Anlage bei der Kathedrale. Der Stadtkanal umschließt die innere Stadt wie eine Befestigung und macht dadurch Riga wirklich hübsch. Jetzt muß ich Dir aber erzählen, was für einen herrlichen Kuchen mir Rudolf als "Salz und Brot" geschickt hat, weil es hier so Brauch ist, wenn man in eine neue Wohnung zieht. Er war 13 Inches im Durchmesser und wie im Traum mit verschiedenen kandierten Früchten und Zuckerguß in Mustern und innen Schichten mit Marzipan usw. usw. dekoriert. Ich wünschte, Ihr alle würdet kommen und ihn probieren. Der Pastor und seine Frau riefen gestern an und waren unsere ersten Besucher. Rudolf erzählte ihnen auch, daß es mein Geburtstag war.
Glaubst Du, daß Ted am 17. heiraten wird? Ich frage mich, ob alles klappen wird. Er hat meinen Brief aus London weder bisher beantwortet, noch etwas von sich hören lassen, nachdem ich ihm vor zwei oder drei Wochen einen langen Brief schrieb. Ich hoffe, daß sie sehr glücklich werden, obwohl ich nicht sehr glücklich bin, weil ich denke, daß sie viel Mut braucht, um Ted in die Pflicht zu nehmen. Man sollte das nicht tun, wie ein Mann, der immer Schulden hat. Armer Sit und arme Daisy. Ich kann noch immer nicht denken, daß sie tot sind. Wir werden sie nie wieder sehen! Wie schnell vergißt man doch einen Menschen!
Nächstes Wochenende kommen einige Feiertage, an denen wir zu Rudolfs Eltern fahren werden. Im Oktober wird sein Vetter John uns besuchen kommen. Ich habe Dir erzählt, daß seine Mutter und Frieda kamen. Am nächsten Tag kam sein Vater geschäftlich nach Riga und überraschte uns, als er zum Frühstück hereinspaziert kam. Die letzten zwei Tage waren wieder heiß und ich bin richtig müde. Da siehst Du, daß wir niemals früh ins Bett gehen und ich schon um 7.30Uhr aufstehen muß.
Eure liebe Lily.
Mit Zitat antworten
  #13  
Alt 26.04.2010, 11:46
Benutzerbild von Frank K.
Frank K. Frank K. ist offline männlich
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 22.11.2009
Ort: Crailsheim
Beiträge: 1.242
Standard

Dokument 7: 15./30. 09. 1903, Riga, Große Brauer Straße 2/4

Lieber Alf,
vielen Dank für den S.Chronicle. Ich denke, daß der Zensor ihn genau so liebt wie ich. Es dauert immer eine Woche, bis er, sehr zerknittert und oft gelesen, ohne die Seiten 6 & 7 ankommt. Als Du vergessen hast, die Guardian-Bestellung zu verlängern, schrieb ich ihnen, unsere Rechnung Dir zu schicken. Wir wissen hier garnichts. Auch nicht Chamberlains Rücktritt und alles andere. Ich habe noch eine unangenehme Überraschung in den Brief gelegt. Es ist eine Schande £28 extra zu zahlen! Es bringt mir 2 Jahre nichts und dann angenommen, daß ich nächstes Jahr sterbe, ist es umsonst bezahlt, da Mutter auch noch meinte, daß es steuerfrei sei, wie sie mir immer wieder eindringlich sagte. Ich habe Mrs. Drapper, der anderen Treuhändern geschrieben und den Brief beigelegt. Was macht doch Annie nicht alles für Geld! Sie wird viel Steuer für ihren Anteil zahlen müssen, etwa £2 pro Woche. Schreibe mir bitte schnell und gib mir einen Rat, auch wenn Ihr eine andere Aufteilung macht. Ich kann es so bald nicht zahlen. Was ist mit der Hochzeit von Ted? Er hat noch immer nicht geschrieben! Kannst Du, wenn Du mir wieder schreibst, 5 Schillinge in 1 Pence Marken beilegen? Ich möchte auch wegen einiger Dinge schreiben, aber es ist so schwierig und teuer, von hier aus kleine Beträge zu schicken. Ich habe mich sehr über die Briefe von allen Mädchen gefreut, habe aber keine Zeit, sie zu beantworten. Erzähle doch Sallie, daß ich eine Skizze, die sie mir vor langer Zeit gab, eingerahmt und in mein kleines Wohnzimmer gehängt habe. Wir haben hier kaum Bilder und sie sind auch furchtbar teuer, genau so wie die Rahmen. Alles außer Essen und Trinken ist hier teuer. Habe ich Dir geschrieben, daß man hier Lammkeulen und Rinderlenden für 3 3/4 Pence pro Pfund, kaufen kann, Schweinefleisch für 4 1/2 Pence und Kalbfleisch heute für 3 Pence. Tee, Zucker und alle importierten Sachen sind hier furchtbar teuer. Vielleicht werde ich mich an unserem Bad erfreuen. Es ist so luxuriös und hat heißes Wasser, aber eine Dusche, so wie bei uns, ist hier in Riga unbekannt. Zwei Damen waren heute am Nachmittag zum Tee hier. Sie drängten mich letzten Freitag dazu, als sie nach Hause gingen. Auf dem Land war es herrlich. Es war für mich eine neue Erfahrung, vier Stunden im Zug zu fahren, dann von einem Wagen mit drei Pferden abgeholt zu werden, insgesamt 21 Werst (1 Werst = 2/3 Meile). Ihr habt, genau so wie ich, noch nie solche Straßen gesehen. Es war knöcheltiefer Morast, Wasser und nicht eingeebnet, aber es war sehr lustig auch wenn man sehr einsam ist. Rudolf gab sein Bestes, um mich nervös zu machen, als er mir gestand, seinen Revolver vergessen zu haben. Riga erscheint jetzt noch schöner, als im Frühjahr. Die Bäume haben solche herrlichen Farben bekommen und es gibt auch sehr viel wilden Wein. Die Anlagen sind wundervoll. Eine von Euch muß wirklich mit diesen baltischen Kreuzern kommen und es sehen. Erzähle den Mädchen, daß sie, wenn sie das nächste Mal "The Yeoman of the Guard" sehen, an mich denken sollen. Jetzt gehe ich mit einem Schlüsselbund, der an meinem Bund befestigt ist, so wie dieser dicke alte Hausmeister herum. Rudolf sagt auch, daß ich fett werde. Ich weiß nicht, aber es wird wohl so sein, da ich nicht mehr so viel spazierengehe. Gestern gingen wir zum Stintsee, einem großen See, der mit der Düna verbunden ist. Es war ein wirklich herrlicher Tag, so wie auch schon alle Tage vorher die letzten zwei Wochen: klar, sonnig und mittags heiß, aber morgens und abends kühl. Jetzt ist es aber Zeit nach meinem Samowar zu sehen. Also liebe Grüße an alle und schreibe bald!
Deine Lily.
Mit Zitat antworten
  #14  
Alt 26.04.2010, 11:51
Benutzerbild von Frank K.
Frank K. Frank K. ist offline männlich
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 22.11.2009
Ort: Crailsheim
Beiträge: 1.242
Standard

Bitte beim Datum beachten: es ist das Datum im Julianischen (1.) und Gregorianischen (14.) Stil angegeben.

Dokument 8: 1./14.01.1904

Liebe Florrie,
Dies ist unser Neujahrstag und ich schreibe meinen ersten Brief an Dich und wünsche Dir noch viele weitere. Vorher aber: Vater wird einen Weg finden, Dich hierher zu einem längeren Besuch kommen zu lassen. Es ist bestimmt eine nette Abwechslung die Dir gut tun wird. Eine Mrs. Smith, die hier lebt, hat eine 18 Jahre alte Schwester, die letzten Juli allein aus Hull gekommen ist. Wir gingen sie letzten Sonntag besuchen. Sie wohnen auf dem Land auf der anderen Dünaseite. Es ist dort im Winter sehr öde, aber im Frühling und Sommer sehr lieblich. Sie wohnen dort in einem Haus, das im englischen Stil erbaut wurde (unterstützt durch die Fabrik, in der Mr. Smith arbeitet). Die Schlafzimmer sind im Obergeschoß mit Bad, einem Garten und elektrischen Strom, alles umsonst. Sie haben einen netten kleinen Jungen, der Victor heißt, zu Weihnachten ein Jahr alt war, schon laufen kann und wie zwei Jahre alt aussieht.
Ich hoffe, daß es Dir langsam besser geht und Du keine großen Schmerzen hast. Ich habe den ganzen Dienstag an Euch alle gedacht und würde mich auch freuen, zu hören, wie es Dir geht.

Du mußt auch so lange im Bett liegen wie die Großmutter mit ihrem Knie, und sie ertrug es tapfer. Ich werde keine Ruhe predigen, weil ich weiß, wie schrecklich es ist, wenn andere etwas predigen wollen, wenn sie es nicht selbst erfahren haben. Ich hoffe nur, daß Du nicht die ganze Zeit flach auf dem Rücken liegen mußt! Ich war hier auch 7 Tage im Krankenhaus und es ist furchtbar, daß man davon genug hat. Kann Dich Vater herunter tragen, damit Du auf dem Sofa eine Abwechslung hast? Das würde es Dir erträglicher machen.
Heute früh sagte ich meinem Mädchen, daß sie nicht vor 10Uhr zu kommen braucht. Ich stand um 9Uhr auf, frühstückte und wartete dann bis 10.30Uhr. Als sie dann noch nicht da war, mußte ich sie suchen, da wir zum Dom (lutherische Kirche) gehen wollten. Nach der Kirche kamen wir zurück, aber sie wartete nicht auf uns und wir gingen zur Post. Gestern fiel Schnee und es fuhren schon Schlitten. Wir sahen einen mit einem herrlichen schwarzen Pferd, das der Fuhrmann kaum halten konnte und fuhren zum Kaisergarten und zurück.

Als wir auf der Esplanade an der russischen Kathedrale vorbeifuhren, sahen wir viele Leute, Polizisten und eine Militärkapelle und fanden heraus, daß sie auf eine Parade warteten. Auch alle Soldaten waren in der Kirche. Wir sagten zu unserem hübschen Pferd Lebewohl, warteten und sahen sie auch. Wir kamen etwa um 1.30Uhr nach Hause, mußten Feuer machen, Essen kochen und die Zimmer reinigen. Nach dem Essen habe ich geschlafen. Jetzt ist es 8Uhr. Gestern gingen wir ins Theater und sahen eine neue Oper: "Der Rastelbinder". Es wurde schon einmal in den englischen Zeitungen darüber berichtet. Ich habe es gelesen, aber wir sahen so etwas schönes das letzte Mal, als wir etwa vor einem Monat ins Theater gingen.
Es waren zwei Stücke, aber das letzte war so hübsch und nur Pantomime - ohne Worte. Es heißt "Die Puppenfee" und spielt in einem Spielwarengeschäft für mechanisches Spielzeug. Kunden kommen herein und ihnen werden alle Spielsachen gezeigt. Um 12Uhr, wenn alles dunkel ist, erweckt sie die Puppenfee alle zum Leben. Alle haben so viel Spaß! Die schönsten waren, denke ich, acht kleine Mädchen in Veras Größe, die wie kleine Puppen in ganz weißen Seidenkleidern, mit blaßblauen Socken und Schuhen bekleidet waren, herum tanzten und mit großer Freude zwischen den anderen umhersprangen. Hier wird es einfach nicht Winter, außer an einigen Tagen, an denen ein ekelhafter Ostwind weht. Auf dem Markt ist es eiskalt und die meisten Dinge sind jetzt gefroren, wodurch ihr Geschmack eher verdorben wird. Man hat langsam genug von Rindfleisch, Schweinefleisch, Schaffleisch. Ich bekam am Dienstag einen Hasen, der aber nicht so gut schmeckte, wie unser letzter. Erzähle Mutter, daß ich diese Woche ein herrliches Stück einer Rinderrippe für 3 1/2 Pence je Pfund bekommen habe. Butter kostet jetzt 9 oder 9 1/2 Pence. Orangen sind, wie alles andere Obst und Bananen sehr teuer, so daß man nicht daran denken kann. Es ist dieses Jahr mit Äpfeln und Birnen auch furchtbar, so daß wir knapp mit Obst sind. Es ist so schade, daß Zucker, Tee und alle importierten Dinge so furchtbar teuer sind. An einem Tag kam ein Bauer in einem Schafsfell in unser Büro um hölzerne Kistchen, so wie unsere kleinen runden Schachteln, so künstlerisch und alle aus Birkenholz gearbeitet, in die man Reis, Erbsen und andere Dinge hineintun kann, zu verkaufen. Sie kosteten jeweils nur 3 Pence und wir kauften drei oder vier.

Du solltest unseren Weihnachtsbaum sehen. An Heiligabend zündeten wir die Kerzen an und werden sie wieder anzünden, wenn am Sonntag Mr. und Mrs. Whittle zum Tee kommen. Es wird ein Erlebnis sein, mit jemandem Tee zu trinken! Unser Baum ist so groß, daß der silberne Stern auf der Spitze bis zur Decke reicht. Er ist mit Bonbons, Äpfeln, goldenen und silbernen Walnüssen und mit Kerzen geschmückt und mit kleinen Baumwollbällchen beworfen, die wie Schnee aussehen. Es ist eine Schande, solch einen prächtigen Baum abzusägen, obwohl er nur 10 Pence kostet und Holz hier spottbillig ist.
Ein Engländer, der hier in Pohles Fabrik arbeitet, wurde kürzlich morgens angegriffen, als er zur Arbeit ging. Seine Nase war gebrochen und er war sieben Tage lang bewußtlos. Er kann noch nicht sehen und sich an nichts erinnern. Seine Frau hat eine kleine Tochter, die auch krank ist. Mrs. Whittle erzählt, daß die Polizisten ihren Mann zur Arbeit hin und nach Hause begleiten.
Es gibt nicht viel, was man Dir erzählen kann. Die Tage vergehen sehr schnell und sind geruhsam. Ich habe genug zu tun und meine Dienstfrau hält mich auf Trab. Ich muß aufpassen, daß sie nicht zu viel vergißt, so wie es bei Fate ist. Wenn ich ihr nicht jeden Tag alles genau sage, bleibt es ungetan und ich denke sie tut es mit Absicht. Wir sind zur Zeit verschwenderisch, weil Onkel Rudolf Karten für Panderewski und Kubelik für nächsten und den darauffolgenden Dienstag gekauft hat. Onkel Rudolf hat mir einen herrlichen Teppich als Weihnachtsgeschenk für mein kleines Wohnzimmer gekauft. Gestern kam ein netter Brief von meiner Schwägerin Wilma aus Prekuln. Ich habe sie eingeladen, aber sie war krank und muß Ruhe haben. Ich hoffe, daß sie und ihr Mann im Frühjahr oder im Sommer kommen werden.
Die Adresse von Annie Hughlin ist: 88 Sister Lane, Halifax. Das alte Haus in der Hopwood Lane ist aufgegeben und steht zum Verkauf. Es ist Zeiten her, seit ich von Annie hörte und sie versprach mir, ein "Boot´s Diary" zu schicken, das allerdings noch nicht eingetroffen ist. Nun, liebe Florrie, auf Wiedersehen mit lieben Grüßen an Mutter, die Zwillinge, alle anderen und auch Dir armer Kranken.
Deine liebe Tante Lily.
Mit Zitat antworten
  #15  
Alt 26.04.2010, 11:54
Benutzerbild von Frank K.
Frank K. Frank K. ist offline männlich
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 22.11.2009
Ort: Crailsheim
Beiträge: 1.242
Standard

Dokument 9: 1./14.01.1904

Lieber Arthur,
Kannst Du bitte £1-1-0 an die Geographical Society für letztes Jahr schicken und mitteilen, daß es das letzte ist. Wir sollten wirklich froh sein, ihre Berichte zu bekommen und von ihnen zu hören, aber wir können nicht an ihren Treffen teilnehmen. Die Anschrift ist: St. Mary´s Parsonage, Manchester. Schicke 3/- an Alice Robinson, Grandville Rd., Hallowfield, es sei denn, sie sagt Euch, daß es mehr ist und 3/- an Ada Wood, 4 Lismore Rd., Gospel Oak, London NW. Wenn sie schreibt, daß es 2/6 sind, dann schicke ihr trotzdem 3/-. Das ist egal, da sie niemals Porto berechnet. Wenn noch weiteres Geld kommt, dann schicke bitte einen Blankoscheck in der £-Höhe in 10/- oder 15/- und den Rest in englischen Marken. Marken sind immer hilfreich, wenn wir etwa bestellen wollen und von hier aus nicht direkt bezahlen können. Ich bat Alf um den Gegenwert von 5/-. Nach Monaten kamen 2/-, da er vergessen hatte, worum ich gebeten hatte. Die Hälfte verwendete ich gleich auf einmal für die Bestellung von einem Weldon-Schnittmuster.
Alles Liebe und Gute für Euch und Jennie für das kommende Jahr. Jetzt fühle ich mich gut und hoffe, daß alles bei mir und auch Euch gut werden wird.
Rudolf ist bei mir ...
Deine liebe Schwester Lily
Mit Zitat antworten
  #16  
Alt 26.04.2010, 12:04
Benutzerbild von Frank K.
Frank K. Frank K. ist offline männlich
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 22.11.2009
Ort: Crailsheim
Beiträge: 1.242
Standard

Dokument 10: 8./26.01.1904, Riga, Große Brauer Str. 2/4.
Lieber Arthur,
Ich fürchte, wenn Du die oben beigefügten Marken siehst, daß Du es für eine Belästigung hältst. Ich schäme mich so, Dir so viel Ärger zu machen, da ich weiß, daß Du viel zu tun und wenig Zeit hast. Wenn ich es aber zu Alf schreibe, wird es vergessen und bei Ted ist es hoffnungslos. Läßt er mir eigentlich einmal die Kontenaufstellung zukommen? Wir sahen in einem "Weekly Dispatch", den uns Alf schickte, eine Karte vom Fernen Osten angeboten, auf der Forts, Schiffe, Häfen und alle wichtigen Orte sonst aufgeführt sind, die 1/- oder 2/6 kostet. Sie soll von Phillips & Sons bei der Daily Mail herausgegeben werden, aber dummerweise war keine Anschrift aufgeführt. Wenn Du sie weißt, dann schicke ihnen bitte Briefmarken dafür und 1/- fürs Porto und teile ihnen meine Anschrift mit. Karten sind hier furchtbar teuer.
Das ist jetzt aus meinem Gedächtnis heraus! Danke für die "I.P." Es ist eine gute Zeitschrift. Ich habe Deinen Artikel sehr genossen, auch wenn er viel zu kurz war. Ada Wood hat auch geschrieben, und meinte, sie wolle einige seiner Bücher lesen. Ich habe zweimal versucht, Dir von der herrlichen Karte zu erzählen, die Rudolf von Dana aus M´bro erhalten hat. Dort steht eine Bank und über ihr hängt ein Plakat, auf dem Steht "Dieser Platz ist offizielles Eigentum von Großbritannien, darf aber von allen anderen kostenlos benutzt werden". Auf ihr machten sich ein Amerikaner, ein Deutscher, ein Italiener (oder Franzose) und ein Russe mit einem äußerst grimmigen Aussehen breit und saßen nebeneinander. Sie haben fast den auf der anderen Seite sitzenden John Bull herunter geschubst, der sehr hilflos aussieht. Unten drunter steht folgende Unterschrift: "Auf geht’s John, mach Platz!" Diese Karte war so adressiert, daß sie über Deutschland kam! Sie ist eine der besten Ansichtskarten, die ich jemals gesehen habe. Der Deutsche hat darauf den besten Platz. Ich hoffe, daß es jetzt Florrie schon besser geht und sie nicht anfängt, zu langweilen. Dieser Brief ist für sie und auch für Jennie, aber aus wirtschaftlichen Gründen kann ich nicht jedem von Euch einzeln schreiben, da es jedesmal das Gleiche wäre.
Jennie wird es interessieren zu hören, daß wir gestern zu einer Taufe gingen. Die Leute waren Rudolf nur wenig bekannt. Der Vater kam erst am Donnerstag, um uns einzuladen. Aus der kurzfristigen Einladung schloß ich, da sie zu Hause stattfinden sollte, daß die Leute nicht damit angeben wollten, und daher diesen Fehler machten. Rudolf dachte wie ich, daß meine Brosche oder das weiße Seidenkleid zu großartig wäre. Also zog ich mein neues braunes Kleid an. Im ersten sah ich nett, plump und matronenhaft aus (so wie jetzt in jedem Kleid).
Die meisten anderen erschienen in weißen oder hellen Farben und herrlichen weißen Glacéhandschuhen. Zunächst hatten wir eine nette Fahrt und fuhren in einem Schlitten. Wir wollten zum Landesteg der Boote nach Hagensberg fahren. Als wir dort ankamen, war dort der nette Fuhrmann mit dem schönen Pferd, das wir am Neujahrstag hatten und fuhren die ganze Strecke mit ihm. Es war nicht sehr kalt und schneite ein wenig. Wir kamen, meiner Meinung nach, viel zu früh an. Es war 5.30 Uhr und alle anderen (etwa 40 oder 50) waren schon angekommen. In der Empfangshalle (Es ist hier so schrecklich. Sie führen einen nie in ein Schlafzimmer, wo man sich frisch machen kann. Man weiß, daß sie irgendwo schlafen, aber Schlafzimmer sind eine unwichtige Sache), legten wir ab und gaben der Gastgeberin einen silbernen Serviettenring für das Baby. Dann ging Rudolf zu den Männern in ein Zimmer. Ich wurde in einen Salon geführt und geheimnisvoll mit Namen jeder Dame vorgestellt. Es war wirklich ermüdet, dauernd "Frau Karnowsky" zu hören und die lahmen Hände zu reichen, bis es fertig war. Dann durfte ich mich setzen und fragte mich, ob mein Hut und mein Kleid richtig säßen und Aufsehen erregten. Es waren viele Kerzen und eine grüne Laube auf der einen Seite, unter der ein Tisch wie ein Altar angerichtet war. Nachdem wir lange warten gelassen wurden, kam der Pastor (ein klug aussehender großer junger Mann, wie ein Doktor oder Rechtsanwalt) in einem schwarzen Talar mit Bändern herein. Dann brachten sie das Baby in einem großen Umhang und einer Mütze mit Spitzen besetzt (hier sind sie so altmodisch). Die Männer versammelten sich an der Zimmertür um zuzusehen. Dann nahm der Taufpate das Kind und hielt es längere Zeit, während der Pastor sprach. Auf einmal kam eine Magd mit einer Wasserschale herein und sie nahmen dem Baby die Mütze ab. Der Geistliche goß Wasser auf seinen Kopf, taufte ihn "Reinhold Hermann Karl Adolf", trocknete seinen Kopf mit einem Handtuch ab und es war vorbei. Es scheint mir irgendwie etwas zu fehlen, weil ich die englische Art lieber mag, wo der Geistliche das Baby auf den Arm nimmt. Anschließend versammelten sich alle, um zu gratulieren und Diener brachten große silberne Tabletts voll mit eisgekühltem Champagner und Makronen herein. Wir alle aßen und tranken. Ich sprach ein paar Worte mit Rudolf und dann verschwanden sie wieder um sich gegenseitig zu langweilen, während wir Damen ruhig dasaßen und das Gleiche machten. Nach einiger Zeit kam der Troß noch einmal mit Tassen voll Schokolade, Schlagsahne, Süßigkeiten und Kuchen. Dann räumten sie den Altar und die Teppiche weg und tanzten hinterher etwas. Ich denke, daß es etwa 11 Uhr war, als die Gastgeberin kam und sagte: "Bitte zum Tisch!" Ich nahm Rudolf und wir gingen "zum Tisch." Ich dachte, daß es das Mittagessen sein würde, aber das richtige Mittagessen ist 2 oder 3 Stunden später. Dies war aber, was Rudolf einen "Imbiß" oder "Im Biß", eine Art Zwischenmahlzeit, nennt. Jeder von uns hatte 3 Teller, ein Messer und eine Gabel (wir behielten sie für alles). Es gab alles Mögliche zu essen: Räucherlachs, Sardinen, Hummer, Heringe in allen möglichen Sorten (Man muß wissen, daß alles in Büchsen furchtbar teuer ist und die Leute damit angeben wollen, wenn sie auftischen), Sardellen und Eier, Leberwurst, ein riesiger gekochter Schinken, viele andere Dinge, die ich nicht kenne (oder zu kennen glaube) und verschiedenste Käsesorten. Zu trinken gab es Bier, Likör und Selters Wasser. Als wir die Teller abgestellt hatten, dachten wir, daß die Gelegenheit günstig wäre, leise davon zu kommen (, da Rudolf meinte, daß alle uns rund herum die Hand geben wollten). So schafften wir es. Rudolf war auch erkältet und meinte, daß ich sehr müde aussähe, was auch der Fall war).
Als wir nach Hause kamen war es etwa 10.15Uhr und wir waren noch sehr hungrig, da wir nicht sehr viel gegessen hatten. Ich zündete den Samowar an und wir tranken Tee und aßen kalte Koteletts. Wir saßen und unterhielten uns noch bis nach 12Uhr. Ich denke, daß das immer noch das Beste am Abend ist.
Ich war zum Nachmittag-Tee und traf den Konsul und seine Frau. Sie sagte, wenn Krieg ist und England darin hinein gezogen wird, dann müssen sie uns verlassen. Ich denke, daß sie sehr glücklich sein wird, aber es wird weniger gut für alle anderen von uns. Alles, was sich darauf bezieht, ist in den Zeitungen geschwärzt. Haben eigentlich schon Schlachten stattgefunden? Mein Mädchen fürchtet, daß ihr Mann auch gehen muß, obwohl sie doch drei Kinder hat. Unser Dvornik muß auch gehen. Euch alles Liebe und schreibt bald.
Eure Lily
P.S. Mein Mädchen hat einen Hahn gebracht und ihn, bis sie nach Hause geht, ins Bad gesteckt. Er kräht sehr kräftig. Es ist hier eben ländlich!

In diesem Brief sind die ersten Vorgeplänkel des Russisch-Japanischen Krieges erwähnt. Dieser Krieg wird auch die folgenden Jahre überschatten, auch wenn man "im fernen Westen" vorläufig kaum etwas davon spürt. Alles, was sich auf den Krieg bezieht, wird in den Zeitungen, die aus dem Ausland kommen, wie hier der Manchester Guardian, den meine Großmutter bekam, zensiert ("geschwärzt").

Geändert von Frank K. (26.04.2010 um 12:09 Uhr)
Mit Zitat antworten
  #17  
Alt 26.04.2010, 12:19
Benutzerbild von Frank K.
Frank K. Frank K. ist offline männlich
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 22.11.2009
Ort: Crailsheim
Beiträge: 1.242
Standard

Dokument 11: Frühjahr 1904, Riga, Dienstag 10Uhr.
Lieber Arthur,
Ich habe mich so gefreut, die Kritik über Deinen Artikel in den "I.P" in der letzten Freitagausgabe des Guardian zu finden und war überrascht, als ich die Zeitung nach dem Mittagessen gelesen habe. Sie kam erst gestern abend, weil der Zensor alles so lange zurückhält - und so schrecklich schwärzt. Schicke mir doch bitte eine Kopie der I.P. Vielen Dank für Deinen Brief, den Scheck, die Briefmarken und allen Ärger, den Du hattest, auch für Florries Brief. Wir haben hier sonst noch keine Magazine bekommen . Mrs Wiggs usw. kam am Sonntag, wurde aber weggelegt, bis ich mich einmal richtig schlecht fühle. Der Zensor rief Freitag an und sagte daß es da wäre. Wir mußten 8 Kopeken (2 Pence) dafür zahlen. Aimie schickte mir ein Boot´s Diary, für das wir 6 Kopeken (1 1/2 Pence) zahlen mußten. Sallie schickte mir zwei Arztbücher, die umsonst und ungeöffnet durchkamen, wie sie nicht gebunden waren. So ein verrücktes Land!
Ich halte Dumas für schlechte Literatur, aber vergleiche ihn nicht mit Kipling. Ich bewundere ihn sehr und wünsche mir die 1 Penny Ausgaben von seinen "Barrack Room Ballads." Ich habe gesehen, daß sie in London verkauft werden. Rudolf möchte gerne von Adam Smith "Wealth of Nations" lesen. Es ist eine günstige Ausgabe, die Du nicht behalten möchtest. Kannst Du sie schicken, wenn Du sie gelesen hast? Ich denke, daß die Geschichten über die Azteken usw. lustiger sind. Ich liebe Indianer! Was hat Florrie dazu gebracht, die "Twins" zu lesen? Ich denke, daß sie es mag.
Wir hatten beide schwere Erkältungen und Rudolf war sehr schlecht dran. Ich konnte noch herausgehen, war aber auch andererseits nicht richtig gesund und habe bemerkt, daß ich in den letzten zwei Wochen zweimal in Ohnmacht gefallen bin. Einmal in der Kirche, dann gestern abend in Kubeliks Konzert. Es war nicht gerade heiß, und ich war zu krank, um mich zu bewegen. Daher merkten es nur wenige Menschen und hatte meine Riechflasche die Salz und Kölnisch Wasser enthält bei mir. So konnte mich Rudolf gut verarzten. In der Pause bekam ich dann etwas Wasser. Die letzten zwei, drei Nächte habe ich nicht viel geschlafen und war deshalb, so denke ich, müde.
Sonntag gingen wir zu Whittles zum Mittag und ich war so über die Tafel verwundert (Rudolf sagt, daß das nichts gegen das ist, was andere Leute einem oft anbieten), da es ein kleines Essen für zwei Freunde war und ich es sehr lächerlich fand. Zunächst gab es Sardinen, marinierte Heringe, Braten, Zunge und Würste. Wir dachten, daß das alles war, und aßen einiges. Dann kamen gebratene Hühner, Karotten, Kartoffeln, Soße und heißer gekochter Schinken, danach Fleischküchlein, Sülze, Meerrettich und Käse, Bier Schnaps und Klaren Schnaps zu trinken. Danach im Wohnzimmer Tee und Unterhaltung. Mr Whittle hat in Pohles Fabrik einen Betriebsteil unter sich. In England wäre er Vormann. Mrs Whittle ist hier eine große Bereicherung und Rudolf macht Späße über sie und sie ist sehr gutmütig und war zu mir freundlicher als alle anderen hier. Ich denke, daß sie sehr nett ist. Gebildete Leute sind hier selten und ich habe erst 2 oder 3 andere getroffen. Mrs Langford, ihre Schwester, ihren kleinen alten Pastor und seine Frau. Alle anderen erscheinen mittelmäßig. Ich freue mich zu hören, daß es Florrie wieder besser geht und sie keine Schmerzen mehr hat. Ich werde ihr demnächst schreiben. Ihr letzter Brief machte den Eindruck, als ob sie schlagartig erwachsen geworden wäre. Was hat sie vor? Will sie mich besuchen kommen? Mrs Whittle erwartet eine Nichte, die den nächsten Winter bei ihr verbringen will, aber ich denke, daß hier die Winter eine trübsinnige Zeit sind. Es ist nicht nur kalt hier. Letzten Sonntag war ein herrlicher Tag, an dem die ganze Zeit die Sonne schien. Es war so wie im Frühling, aber wir hörten außer den Spatzen, die in einem alten Warenhaus gegenüber leben, herüber fliegen und sich auf unserem Fensterbrett lieben, keine anderen Vögel. Liebe Grüße an Jennie, Dich und alle. Was macht Stanleys Debattierclub?
Deine Lily.

Interessant in diesem Brief ist die Schilderung von "ein kleines Essen für zwei Freunde" ... es ist doch erstaunlich, was alles geboten wurde: guten Appetit!
Mit Zitat antworten
  #18  
Alt 26.04.2010, 12:27
Benutzerbild von Frank K.
Frank K. Frank K. ist offline männlich
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 22.11.2009
Ort: Crailsheim
Beiträge: 1.242
Standard

Dokument 12: Riga, 02./15.??. 1904

Liebe Florrie,
heute bekam ich einen langen Brief von Frieda aus Libau, die schreibt, daß es dort sehr ruhig ist. Ich dachte, niemals mehr einen Brief von jemandem zu bekommen, als am Sonntag Dein langer Brief und der von Alice Robinson ankamen. Vielen Dank für die Schnittmuster. Ich denke aber, daß ich sie etwas größer am Hals schneiden muß, da sie eher etwas klein erscheinen. Paddy sieht so lieb aus. Ich würde am liebsten spüren, wie er meine Hand leckt, so wie er es bei Mutter tut. Ist das Bild am Eingang aufgenommen? Es war wirklich toll, die Karten zu bekommen. Ich habe sie bis Sonntag aufgehoben und während dem Essen freudig angesehen. Da Onkel Rudolf faul ist und ich normalerweise allein frühstücke, bin ich zu hungrig, um stundenlang zu warten. "W. at Home" ist zu widerlich, um es aufgeschlagen zu lassen. Die Artikel "The Palette Club" sind sehr interessant. Ich bin so traurig, daß ich meine Malfarben vergessen habe, die ich so sehr vermisse. Viele Dinge, von denen ich dachte, daß sie Annie für mich eingepackt hat, kann ich in meinen Kisten nicht finden: Hackfleischmaschine, große Messer, usw. ... Ich war letzte Woche sehr aufgeregt, als Mrs. Ram hereinkam und sehr nett sein wollte, als Rudolf nicht da war. Sie und Annie trieben mich zur Verzweiflung. Ebenso das Bild von Daisy. Ich dachte eigentlich, es zu zeigen, habe aber ein nettes kleines, das ich so lieb habe. Ich hoffe, daß Du auch das nette Kochbuch bekommen hast, da ich mir gerade einen Herd gekauft hatte. Ich erwartete eigentlich im Juli oder August Flora Smith, fürchte aber jetzt, daß der Besuch bis zum nächsten Frühjahr aufgeschoben wird, weil ihrer Schwester Mrs. Amelt das Knie bald amputiert werden soll. Dann hängt es davon ab, wie es ihr danach geht. Mrs. S. ist keine Verwandtschaft, sondern eine Dame aus Bolton, die ich hier getroffen habe. Sie hat ein 14 Monate altes Baby und erwartet im August ihr nächstes. Ihre Schwester scheint einsam zu sein. Sie ist 18, sehr ruhig, schüchtern, spielt kein Klavier, obwohl sie eines haben, unterhält sich nicht, scheint in der Tat eine Art Kinderschwester für das Baby zu sein und wird zusammen mit ihm zu Hause gelassen. Sie leben in Sassenhof, mitten auf dem Land auf der anderen Flußseite. Ich frage mich, ob Ihr vorletzten Sonntag gerne bei uns gewesen wärt. Wir fuhren mit einem Schlitten auf dem Eis über die Düna. Ich muß zugeben, daß ich mich etwas mulmig fühlte, da die Düna eine gefährliche Strömung hat und hier etwa eine halbe Meile breit ist. Wir kamen auf dem selben Weg zurück. Ich fühlte mich dann etwas besser, weil es mir jetzt schon vertraut war. Letzten Sonntag verbrachten ein Mr und Mrs Bergfried, die beide sehr nett sind, den Abend mit uns von 6Uhr bis 12Uhr. Sie ist Russin und spricht deutsch. Er spricht russisch, deutsch englisch und lettisch. Meine letzte Aufwärterin blieb nur eine Woche und hörte selbst auf. Sie fand aber ein nettes kleine 15 Jahre altes Mädchen, das nach Feierabend, um 4 oder 5Uhr nach Hause geht. Onkel Rudolf meint, daß sie zu jung ist. Ich denke aber, daß sie bald erwachsen wird und will sie gerne behalten. Sie ist sehr sauber und eine gute kleine Arbeiterin. Sie ist freundlich von der Zeit an, wenn sie morgens vor 8Uhr mit "Morgen Gnädige Frau" kommt, bis sie "Adieu" sagt. Sie hat mich sehr überrascht, weil sie meine Hand küßte und mir jeden Tag für das Essen dankte, oder wenn sie bezahlt wurde. Jetzt habe ich mich aber schon mehr daran gewöhnt. Aber ich hasse es! Ich habe etwas mehr zu tun, aber nicht zu viel und bin glücklicher mit ihr als mit einer älteren Frau. Onkel Rudolf wünscht sich zwei Bücher, von denen ich jetzt aber die Namen vergessen habe. Ich weiß, daß eines von Adam Smith ist. Kannst Du Vater fragen, wo man billige Ausgaben bestellen kann, die sie auf Rechnung liefern. Vielleicht kann Vater uns eine Liste mit preiswerten Autoren schicken. Keine Novellen, sondern richtige Bücher. Mir tut Nellie so leid. Was ist der wahre Grund? Ich habe es niemals richtig gehört. Ich bekam nur eine Ansichtskarte von ihr. Es war das erste Mal seit Monaten, daß sie mir geschrieben hat ... < Rest fehlt>
Mit Zitat antworten
  #19  
Alt 26.04.2010, 12:34
Benutzerbild von Frank K.
Frank K. Frank K. ist offline männlich
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 22.11.2009
Ort: Crailsheim
Beiträge: 1.242
Standard

Dokument 13: 4./17. 04. 1904, Riga.
Lieber Arthur,
ist es nicht lustig, daß die Post meine Sachen nicht unaufgefordert schickt. Sie machte es sonst immer, als ich noch in England war. Die Termine sind 3.Januar, 5. April, 5.Juli und 5.Oktober.
Es ist heute ein wirklich herrlicher Tag. Wir gingen nach dem Essen auf die andere Seite des Flusses spazieren. Nur Frieda kriecht hier mitleidvoll. Rudolf ist eine Ausnahme und geht wie ein Engländer. Seine Schwestern nörgeln wegen seiner Gehweise und wir über ihre!
Denkst Du wirklich, daß zwischen England und Rußland ein Krieg ausbrechen wird? Das wäre wirklich sehr schlecht (auch nur daran zu denken) für das Geschäft hier in diesem Teil des Landes, da die Menschen sagen, daß die Engländer zuerst kommen werden, um Riga, Libau und die baltischen Häfen zu bombardieren.
Hat Alf eigentlich schon sein Haus verkauft? Ich wäre froh, wenn es so wäre! Wieviel werden sie wohl dafür erlösen? Er ist wohl etwas müde, da er vergessen hat unseren Guardian zu bezahlen und wir seit etwa drei Wochen ohne englische Zeitung leben. Nur zweimal haben wir, denke ich, in Rudolfs Club die Daily News gesehen. Dort ist ein netter Leseraum, aber vier Stockwerke hoch und ohne Fahrstuhl. Dieses Wetter hier weckt in mir der Verlangen nach England. Hier ist alles so häßlich und manchmal habe ich das Gefühl, keinen Tag länger hier, ohne Euch zu sehen, leben zu wollen. Dieses Gefühl kommt immer öfter, wenn ich Besuch habe und so viel deutsch höre (Ich denke, daß mir das irgendwie auf die Nerven geht). Wenn ich es schaffe, Mrs. Ross, Mrs. Whittle, Mrs. Longford oder eine andere englische Seele in der Woche zu sehen, geht es bei mir besser, da ich auch viel Arbeit habe und sehr von meinem Mädchen angetan bin. Karsamstag gingen Rudolf und ich vor 12Uhr am Abend aus, um noch einige Dinge anzusehen. Die Russische Kathedrale ist illuminiert und die ganze Nacht bis um 4Uhr ist Gottesdienst. Um Mitternacht geht der Pope um die Kirche herum. Danach gingen wir auch noch etwas herum und gingen schließlich in die Kirche in unserer Nähe (durch eine doppelte Reihe schrecklicher Bettler). Dort gibt es keine Stühle und man muß die ganze Zeit stehen. In dieser Nacht hatte wirklich jeder eine brennende Kerze in der Hand. Die Bilder, der Gesang, die Vergoldungen, und alles ist einfach grandios und viel großartiger in der Russischen Kirche.
Dienstag 6Uhr abends: Der Sommer scheint wirklich doch noch plötzlich gekommen zu sein. Heute war es ziemlich heiß. Ich habe im Zimmer mit weit geöffnetem Fenster gesessen und stopfe Socken. Bis heute trug ich noch einen Pelzhut. Jetzt habe ich einen aus schwarzem Tuch. Ich hoffe, daß sich die Post mit der Zeitung beeilen wird. Ich möchte mir, wenn das Geld kommt, eine kleine Mangel kaufen (kann ich es nicht sinnvoll für Blusen usw. verwenden!). Lisa muß die ganze Wäsche mit einem großen Korb mit nach Hause und zu einer Mangel nehmen, wo man sehr viel bezahlen muß.
Ostersonntag waren wir um 12Uhr zu Herrn Bergfried (Russe) eingeladen. Ich habe viele Eier angemalt (mit Zwiebelschalen usw.), eines mitgenommen und gegen eines von ihnen eingetauscht. Rudolf begrüßte sie mit der richtigen Begrüßung "Christus ist auferstanden" ("Christos voscres" so ungefähr klingt es russisch). In einer von H. Andersens Geschichten wird es auch beschrieben. Um etwa 1Uhr hatten wir, denke ich, unser Mittagessen, aber alles kalt. Kalbsbraten, (ein ganzer) gekochter Schinken, gefärbte Eier, Käse, Ostergebäck, Paski (ich kann es nicht genau buchstabieren), Quark mit geschlagenen Eiern, Johannisbeeren, Vanille und andere Dingen hinein gemischt und in eine Form hineingetan, das schmeckt sehr gut. Zu trinken gab es Bier und Likör. Es kamen immer wieder einige Besucher, da es bei den Russen üblich ist, sich am Ostersonntag zu besuchen. Wir blieben noch zum Kaffee und gingen um 5Uhr und hatten einen längeren Spaziergang zum neuen Hafen. Der Fluß war voll von Treibeis. Bergfrieds kamen uns am Dienstag Abend besuchen als wir gerade fertig gegessen hatten (Du weißt, wie unordentlich der Tisch dann aussieht!) und ich hatte fast alles für sie im Haus, da es am Morgen geregnet hatte und ich nicht zum Markt gehen wollte, weil ich dachte, genügend zu Hause zu haben. Sie blieben bis 12Uhr und ich war dann ziemlich fertig. Die Leute hier sind so langweilig! Sie machen solche endlosen Besuche und wissen nie, wann sie aufstehen und gehen müssen! Ich habe bei meinen Schwägerinnen den Ruf sehr flink zu sein. Die englischen Schwägerinnen denken das von mir nicht gerade, aber dies ist hier ein lahmes Land.
Dein Brief ist gerade angekommen. Ich wollte eigentliche auch mit dem Schreiben warten bis die Zeitung kommt (da kannst Du sehen, wie sparsam ich mit Marken bin). Vielen Dank für die Bücherliste. Vater zeigte mir Mr. Woods Schule in Colwyn Bay. Sie liegt schön, aber ich dachte nicht, daß er noch lebt. Morgen werden wir zum Konsul gehen. Dann kann ich die Urkunde beilegen. Hier kommt Stanley langsam aber sicher weiter. Ich bin froh, daß es Florrie wieder blendend geht. Wird sie im Sommer wieder Rad fahren oder darf sie noch nicht? Wie geht es Großmutter? Ich hoffe, daß es nicht ernst war, grüße sie bitte. Jetzt muß ich Feuer machen, weil ich meinem kleinen Mädchen Brot und Kuchen zu backen beibringen will. Hier backen die Leute mit großem Genuß, besonders zu Weihnachten usw. Jetzt aber Auf Wiedersehen und alles Liebe von meinem verehrten Mann, der bei mir ist.
Deine Lily.

Alle Vierteljahr mußte eine "Urkunde" = Life Certificate geschickt werden, um nachzuweisen, daß Lily noch lebt! (Dann kann ich die Urkunde beilegen). Das als Voraussetzung dafür, daß sie ihren vierteljährlichen Scheck aus dem Erbe bekam ... hierzu am Briefanfang:
"ist es nicht lustig, daß die Post meine Sachen nicht unaufgefordert schickt. Sie machte es sonst immer, als ich noch in England war. Die Termine sind 3.Januar, 5. April, 5.Juli und 5.Oktober."
Mit Zitat antworten
  #20  
Alt 26.04.2010, 13:02
Benutzerbild von Frank K.
Frank K. Frank K. ist offline männlich
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 22.11.2009
Ort: Crailsheim
Beiträge: 1.242
Standard

Dokument 14: Riga, Freitag vor Pfingsten.
Liebe Florrie,
Ich habe mich sehr gefreut, Deine schöne Ansichtskarte zu bekommen. Als Vater mir den Scheck schickte, schrieb er: "Nenn das nicht einen Brief, erwarte in zwei oder drei Tagen einen Brief von Jennie oder Florrie." Darauf warte ich seitdem und frage mich, warum nichts kommt. Wir haben schließlich doch noch schönes Wetter bekommen (Wir hatten aber letzte Woche zwei-drei kalte Tage ohne Sonne). Jetzt können wir am Abend und am Sonntag herausgehen. Letzten Sonntag gingen wir zum Rennen außerhalb von Riga. Den Sonntag davor fuhren wir mit dem Dampfer an den Strand. Wir standen früh genug auf, um das Schiff um 10Uhr zu erreichen und kamen um 12Uhr in Bilderlingshof an. Wir genossen das Essen, nahmen eine Zeitung mit, bummelten durch den Wald mit Pausen von Zeit zu Zeit und spazierten am Strand durch Edinburg I & II und Majorenhof bis wir um 3Uhr unser Boot in Dubbeln erreichten und Kaffee tranken. Die Rückfahrt war um 3.30Uhr. Wir kamen um 8Uhr in Riga an und hatten draußen einen geruhsamen Tag. Nächsten Sonntag wollen wir auch wieder dorthin und vielleicht über Nacht bleiben, da das Büro am Pfingstmontag geschlossen bleibt. Gestern Nacht war es herrlich. Wir fuhren etwas auf einem Boot heraus und spazierten nach Hause. Die Dampfer hier sind hier sehr preiswert. Nach Bilderlingshof kostet es uns in der 1.Klasse 20 Kopeken, das sind 5 Pence und von Dubbeln zurück 25 Kopeken (6 1/4 Pence) und ist viel angenehmer als im Zug. Es gibt hier an den Feiertagen keine günstigen Ausflüge und keine Sonderfahrten. Wenn man dann Besuche macht, muß man auch das volle Fahrgeld zahlen und alles ist überfüllt. Es wäre schöner gewesen, nach Libau zu Wilma zu fahren, aber wie schon berichtet, wäre es jetzt für mich zu weit. Ich denke, daß ich jetzt keine acht Stunden im Zug sitzen könnte. An einem Tag vor 2 oder 3 Wochen mußte Onkel Rudolf mit dem Zug geschäftlich nach Mitau (etwa 1 1/2 Stunden entfernt) fahren und nahm mich mit. Eigentlich wollten wir mit dem Schiff fahren. Es ist ein netter alter Ort mit breiten Straßen, Bäumen, niedrigen Häusern und einem lieblichen kleinen Fluß mit Wegen und Bänken an den Ufern. Wir gingen auch zum Schloß hinüber und ich setzte mich dann am Fluß hin und las Adam Bede, während Onkel Rudolf seine Geschäfte tätigte. Anschließend gingen wir spazieren und aßen zu Mittag. Bis zur Abfahrt des Zuges um 11Uhr saßen wir im kleinen Wald beim Bahnhof. Der Zug kroch nach Hause und wir kamen erst nach 1Uhr an. Rudolf hatte dann noch Hunger und wir kamen dann erst zwischen 3.00 und 4.00Uhr ins Bett. Am nächsten Morgen wollte ich lange schlafen, aber bekam fast nur den halben Schlaf den ich sonst habe. Ich bin sehr früh aufgewacht und konnte den ganzen Tag nicht mehr schlafen. Diese Häuser hier sind viel lauter als die englischen. Die lauten Türen und fehlenden Teppiche sind nur zwei Mängel und es ist auch nicht so komfortabel. Es ist schon lustig, müde vom Spazierengehen oder vom Markt nach Hause zu kommen. Bevor man sich hinsetzten kann, muß man sich außerdem noch 48 Stufen hinauf schleppen, obwohl wir noch ziemlich unten wohnen. Es sind noch zwei Wohnungen über unserer und dann kommt noch der Maschinist vom Dvornik. Erzähle Mutter, daß ich meine alte Frau, Frau Siebert zu Besuch hatte. Auf sie hat man sich bestens in Riga verlassen können, da sie schon 37 Jahre hier wohnt. Gestern hatte ich sehr viel Arbeit und heute Maschinenarbeit. Ich habe noch einen Korb voll fertig zu machen, drei oder vier Hemden noch zu mangeln und paar Wolljacken zu stricken. Ich möchte auch gerne noch einige Schürzen und Blusen machen. Ich weiß auch noch nicht, wie ich eine Mütze für ein Baby machen soll. Ich habe schon ein einen kleinen wattierten Bettbezug aus schönem rosa Stoff mir Rosen darauf gemacht und mache den Korb auch rosa. Hier beziehen sie rosa auf ein Mädchen. Ich denke es ist umgekehrt wie bei uns, wo man rosa für einen Jungen hat und blau für ein Mädchen. Was habt Ihr alle zu Pfingsten gemacht? Habt Ihr etwas von Onkel Ted, seiner Frau oder den Jungen gesehen? Ich nehme an, daß Sid im Lager ist. Liebe Grüße an alle und vielen Dank für die Post.
Deine Liebe Tante Lily.
Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche
Ansicht

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.

Gehe zu

Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 12:41 Uhr.