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  #41  
Alt 15.05.2010, 12:58
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Dokument 30: 12./25.08.1905 Bullen Krug

Liebe Jennie,
ich habe mich gefreut, Deine, Florries und Arthurs Briefe zu bekommen. Vielen Dank für die lieben, alten, schäbigen Gläser, die Mrs. W. zurückgebracht und ins Büro geschickt hat, so daß sie Rudolf hierher bringen konnte, da er wußte, daß ich sehnsüchtig darauf wartete. Danke für die Käferrezepte. Ich weiß aber noch nicht, ob sie wirken werden, da die meisten sehr widerstandsfähig sind und durch die meisten üblichen Mittel nicht vertrieben werden. Rudolf meint, daß die Bevölkerung sich hier nicht um sie kümmert und sie eher liebt und sie auch nicht vertreiben will. Ich freue mich, daß Du einen schönen Urlaub hattest. Wie hat es Paddy gefallen, daß Du ihn doch genommen hast? Unser armer alter Mops muß erschossen werden, wenn wir wieder nach Riga gehen, da es für uns unmöglich ist, ihn in der Stadt zu halten. Die ekelhafte Frau, die nach ihm gefragt hatte, will ihn auch nicht haben, weil sie findet, daß er zu alt ist. Wir können nicht daran denken, ihn im kommenden Winter verhungern zu lassen. Ich freue mich so, daß Dir Babs gefällt. Es ist einer meiner Sorgen, daß ich sie nicht zu Euch bringen, kann und Ihr alle sie sehen könnt. Ich habe mich immer gefragt, warum Ihr Eure Kinder nicht in Urlaub lassen wollt, aber jetzt kann ich es verstehen. Ich würde um nichts in der Welt Baby auch nur eine einzige Nacht weggehen lassen. Ihr ging es sehr schlecht, da sie Durchfall hatte (der Doktor meinte, daß es fast eine Epidemie gegeben hätte) und sie war sehr am Boden zerstört, aber ihr geht es jetzt schon wieder besser. Ihre Nahrung besteht aus Nestle (, aber deutscher Herkunft) und Milch. Zum Mittagessen ißt sie eine Schale Huhn- oder Kalbfleisch mit einem oder zwei Teelöffeln Sahne und einem Zwieback darin. Sie hat einen schwachen Magen und kann noch keine Eier essen. Dr. Becker sagt, daß es viele nicht können, bis sie zwei Jahre alt sind. Sie liebt Sahne mehr als Milch. Hier an diesem Ort ist sie jetzt allein mit Katta und mir und schläft jetzt sehr gut. Gestern schlief sie vor dem Essen 2 1/2 Stunden. Dann um 7.30Uhr wurde sie gefüttert und schlief bis 5.30Uhr morgens durch. Als ich aufstand (sie schlief noch immer), machte ich sie sauber und fütterte sie. Sie schlief dann bis 8Uhr weiter. Um 9Uhr wurde sie noch einmal gefüttert. Es ist jetzt 11Uhr. Ich ließ sie und Katta am Fluß zurück, bin nach Hause gekommen und habe wahrscheinlich den Russen verfehlt, der mir 2 Hühner bringen wollte. Zuhause mit dem Büro, der Stadtumgebung usw. schläft sie nie so gut, aber wir müssen zurück. Wir sind jetzt 8 Wochen hier gewesen und es ist für Rudolf schwer, daran denken zu müssen, daß er am Dienstag wieder zurück muß. Dann werden wir nicht mehr so viel herausgehen, da es zur Zeit sehr gefährlich ist, wo Menschen sogar am hellichten Tag auf offener Straße angegriffen und ausgeraubt werden. An einem Tag hatten wir große Angst. Als der Fleischer kam, sagte er, daß einige Unruhestifter den Bierfahrer im Wald überfallen haben und ihm gesagt hätten, sie würden in einem großen Haufen kommen und alle Häuser am Strand niederbrennen. Bald danach hörten wir an einem Tag, wie einige Damen beim Baden (in einiger Entfernung) von einigen Männern beunruhigt wurden und wir glaubten an einen ruhigen Ort zu kommen. - Aber es geschah nichts! Ich sagte Katta, daß sie, wenn sie kommen sollten, Baby in einem dicken Tuch einpacken solle, so daß wir zur Hintertür heraus zum Fluß fliehen und einen Mann finden können, der uns nach Waaren Krug, auf der anderen Seite, hinüber rudert, um auf Rudolfs Dampfer zu warten. Hier ist nur ein Polizist und einige Küstenwachen. In Bilderlingshof wurde ein Polizist erschossen, weil er einige Männer entdeckt hat, die einen Keller ausraubten. Sie sind hier so darauf aus, Leute zu erschießen und zu erstechen. Sogar hier passieren auch viele Raubüberfälle, über die ich berichten kann. Wilma, Rudolfs Schwester, die weit weg auf dem Land lebt, schrieb mir gestern und berichtete, daß Raub und Mord alltäglich sind und daß man jede Nacht den Lichtschein von Bränden sieht. Ihre ältesten zwei Mädchen, die 10 und 12 Jahre alt sind, Gerda und Valeska - die armen Kinder - werden uns nächste Woche verlassen, um nach Hause zu fahren, weil die Schule wieder anfängt. Bis jetzt hatten wir eine Gouvernante. Sie sagt, daß Gerda die ganze Zeit heult und Valeska alles nicht recht verstehen kann. Ich hoffe, daß mich Babs nie verlassen muß.
Es ist jetzt 3Uhr nachmittags. Baby hat jetzt geschlafen und kommt, nachdem das Mittagessen vorbei ist. Wenn ich diesen Brief fertig habe, muß ich die Knickers für Babs weiter nähen. Eigentlich wollte ich hier ihre Wintersachen fertig nähen, aber ich war sehr faul, konnte mich gut ausruhen und hatte hier eine schöne Zeit. Es war wohl die schönste Zeit, seitdem ich in dieses Land gekommen bin, obwohl ich wenig zu lesen hatte. Als ich gestern nähte, kam Rudolf etwa 1 1/2 Stunden vor der üblichen Zeit mit einem Korb voll schöner Kuchen herein, dann machte ich Kaffee und wir hatten einen schönen Feiertag. Er kam mit dem Zug nach Bilderlingshof und mußte dann eine Stunde durch den Wald gehen. Mich erwartet zu Hause eine nette Überraschung: eine Eichengarderobe mit einem Spiegel über die volle Länge in der Mitte. Soll ich dabei nicht stolz sein! Ich möchte sie gerne sehen, aber wir werden so voll sein, daß bald keinen Platz mehr haben werden. Unsere Betten, der Waschtisch und die Nachttische sind alle aus Eiche, so wie auch unsere Eßzimmer Möbel und die Garderobe, die in diesem Zimmer steht, weil sonst nirgends Platz dafür ist. Die nette alte schottische Dame, die Riga vor einem Jahr im Mai verlassen hat, hat mir dieses Jahr so eine schöne weiße Kinderschürze über einen Kapitän für Baby als Geburtstagsgeschenk geschickt. Ist es nicht nett von ihr, da sie Baby noch nicht gesehen hat und mich vorher auch nur einige Monate kannte. Ich möchte gerne wissen, ob Du Mrs. W. getroffen hast, aber ich fürchte, daß sie gekommen ist, als Du fort warst, oder sie hatte überhaupt keine Zeit zu kommen.
Gestern hatten wir ein großes Essen mit Fischsuppe, gebackenem Fisch und Manna. Heute habe ich mich zu Pfannkuchen entschlossen. Der Fleischer (eine Frau) war letzte Woche so grob zu mir und wollte mir nicht das abschneiden, was ich wollte. Daher werde ich von ihr diese Woche nichts kaufen. Die Streiks waren in Riga schlimm. Die Fleischer haben jemandem mit einer Axt getötet und einen anderen schwer verletzt, weil sie sich weigerten, ihre Geschäfte zu schließen. Dann streikten die Bäcker. In all diesen Fällen haben die Streikenden Petroleum über das ganze Brot, Fleisch, den Fisch usw. gegossen, so daß man es nicht mehr verkaufen konnte. Sie sind darin so ekelhaft!
In einer großen Firma hier haben alle Männer ein großes Brett, das mit großen Nägeln gespickt war, mitgebracht und es auf die Straße, wo sie waren, gelegt, damit sie machen konnten, was sie wollten. Und wenn die Kosaken kommen, würden ihre Pferde verletzt würden. Einer der Offiziere aber sah es und brachte vier Kanonen für alle Fälle in Stellung. Wir leben hier doch wohl in einem ehrenvollen Land?
Ich denke nicht, daß wir hier noch einen Sommer verbringen werden, da es zu schwierig ist, dort hinzugelangen und Rudolf an einen Ort mit mehr Leben will, an dem es Abendkonzerte usw. gibt. Die Ruhe ist gerade das Richtige für das Baby. Sie hat Musik und Spaß sehr gerne, kann aber danach nicht schlafen. Wenn man zu ihr das Wort "Musik" sagt, bewegt sie ihren kleinen Arm sofort auf und ab, als wollte sie ein Orchester dirigieren. Sie sitzt auf Kattas Knien, ißt gerade ein Bisquit und beobachtet mich, während ihr Essen gewärmt wird. Dann, wenn sie getrunken hat ist sie für ein "Ta-Ta" weg. Sie wird dann draußen sein, da sie draußen das beste Baby der Welt ist. Im Haus ist sie nur winzig und will jedes Tier, vom kleinsten Kücken bis zum größten Pferd oder zur größten Kuh, anfassen, das sie sieht. Katta hat ihr eine Lumpenpuppe gemacht, die sie mit sich herumziehen kann, wie sie will. Da ihr Geburtstag ist, habe ich ihr einen großen rot und blauen Gummiball gekauft, der so groß wie ihr Kopf ist und von ihr über alles geliebt wird.
Ihr würdet alle zusammen viel Spaß in N.B. haben. Als ich 15 oder 16 war, war ich dort mit den Eltern drei oder vier Tage lang in einem Hotel. Ich dachte damals, daß es ein schöner Platz ist. Dort waren so viele nette Bäume. Wir haben in einer Nacht einen Igel in der Küche gehabt und Katta meinte, daß dort eine Maus war. Er machte dort solch einen Krach als er versuchte, herauszukommen, daß wir nachsehen mußten. Wir konnten ihn aber nicht fassen, da er sich hinter der Plite zu einer Kugel zusammengerollt hatte. Dann gingen wir aus der Küche, ließen die Tür offen und zogen uns ins Schlafzimmer zurück. Etwas später hörten wir ihn die Treppenstufen vor der Veranda herunterkugeln, so daß wir zuschließen konnten und danach sofort einschliefen. An einem Nachmittag kam das liebste aller kleinen, und spazierte mit herum. Wenn sie aber alt genug sind, gehen sie nur nachts herum. Ich bin so traurig, daß das Landleben jetzt vorbei ist. Liebe Grüße an alle ... Deine Lily
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  #42  
Alt 15.05.2010, 13:02
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Dokument 32; Montag 11Uhr vormittags (Spätsommer 1905)
So weit ist es jetzt ruhig. Der Bürgermeister erließ gestern Proklamationen, in der er dazu aufrief, die Ordnung einzuhalten und die Arbeit wieder aufzunehmen. Aber diese Sozialisten entrissen sie alle den Verteilern und zerrissen sie. Wir gingen am Nachmittag zu Familie Schultz (ganz in der Nähe) und hörten dort, daß befohlen wurde, die Arbeit heute wieder überall aufzunehmen. Wenn aber die Aufrührer eingreifen, haben die Soldaten den Befehl zu schießen. Heute fahren die Straßenbahnen wieder und die Geschäfte sind geöffnet. Ich muß schnell in ein Geschäft in unserer Nähe eilen, um für Babs ein Paar Schuhe zu kaufen. Ihre Schuhe sind unansehnlich und ihre Hausschuhe sind zu kalt auf unseren zugigen Fußböden.
Ich höre von so vielen schrecklichen Dingen und bin so dankbar, daß ich sagen kann, daß ich bis jetzt noch nichts ansehen mußte. Ich nehme an, daß der Zensor unsere gesamten Zeitungen zurückhält. Hier hat man seit langer Zeit keine englischen Zeitungen gesehen. Wir wissen nicht, was geschieht und Rudolf sagt, daß die Freiheit der Presse die ausländischen Zeitungen nicht betrifft. Jemand war gerade da und sagte, daß Irepeff in Petersburg 10.000 Menschen erschossen hat und Hinland geflohen ist, aber man kann solche Übergriffe nicht glauben.
Ich habe so schreckliche Angst um das Baby. Heute sind zwei englische Damen heimgekommen. Eine hat diesen Sommer ihr erstes Baby verloren, die andere hat ein Mädchen und ihren Jungen in der ersten Woche verloren, nachdem sie nach Riga gekommen war. Es ist jetzt Mittagszeit und wir haben noch keine Post bekommen. Mrs. Wood (die Schwester von Alice) hat Baby ein kleines in Leinen gebundenes Buch geschickt, das sie sehr liebt. Ich hätte nicht gedacht, daß sie sich schon für ein solches Buch interessiert!
Liebe Grüße von uns beiden - Lily -
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  #43  
Alt 15.05.2010, 13:07
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Dokument 33: Riga, Montag, September/Oktober 1905

Meine liebe Jennie,
ich habe mich gestern so über Deinen Brief gefreut. Es hat den ganzen Tag von morgens bis abends so gegossen, daß keiner von uns herausgehen konnte. Als Rudolf um 6Uhr abends zur Post ging, brachte er Deinen Brief mit. Baby ist zur Zeit wirklich so schön und es geht ihr so gut, daß ich mir so wünsche, daß Ihr sie jetzt sehen könntet. Ich sage das immer und denke, daß Rudolf schon gelangweilt sein muß, wenn er mich das wieder sagen hört. Ich habe sie vor zwei Wochen zu Dr. Becker gebracht. Er untersuchte sie und meinte, daß sie zur Zeit recht gesund sei. Der Pastor und seine Frau kamen heute vorbei und waren erstaunt, wie groß sie schon ist. Sie ist so ein Liebling, hält mich aber bis 2.30Uhr morgens wach. Sie schrie nicht, aber war sehr lebhaft und unruhig. Mir wurde so kalt, daß ich sie mit ins Bett nahm und sie zwischen uns legte (unsere Betten sind eng zusammengestellt). Das gefiel ihr sehr sie drehte sich zu Rudolf um und rief "A-ah! Pappy!" und wollte spielen. Das ging etwa ein Dutzendmal so.
Rudolf ist nach Mitau gegangen und wird nicht vor 1Uhr morgens heimkommen. Dort war er auch letzten Sonnabend und ich habe gerade eben bemerkt, daß er wieder seine Schlüssel vergessen hat. Ich werde wahrscheinlich bei Baby aufbleiben, da sie normalerweise gegen 1Uhr aufwacht.
Das neueste alarmierendste Geschehen in Riga sind die vielen Brände. So viele Häuser werden mutwillig angezündet (meistens auf dem Dachboden). Die Aufrührer haben schon lange angedroht, die Stadt anzuzünden und es sieht so aus, als ob sie es jetzt versuchen. Es wurden einige Männer gefangengenommen. In einem Fall wurde entdeckt, daß ein Diener es selbst getan hatte. Diese Männer hatten ihm dafür 25 Rubel gegeben. Man kann sehen, daß man hier niemandem trauen kann! Der Milchmann hat Katta am Sonnabend erzählt, daß er einige Männer auf der Straße sagen hörte, sie wollten unser Haus anzünden. Katta war deshalb sehr aufgeregt, aber wir sind durch so viele Schrecken schon soweit abgestumpft, daß wir dem nicht viel Glauben schenken. Wir sind ein ganzes Stück vom Dachboden weg und haben eine Steintreppe (das Haus, in dem Rudolf vorher wohnte, hat mich erschreckt. Es hatte ein enges Holztreppenhaus. Ich war so dankbar darüber, dort heraus zu kommen). Die arme Mrs. Schultz hatte letzten Montag einen Brand. Ihr Dachboden wurde an drei Stellen angezündet. Es verbrannten nicht viel von ihren Sachen, aber sie leben direkt unter dem Dachboden (im 4. Stockwerk). Was noch schlimmer ist: das Wasser kam durch die Decke! Der Vermieter kann es nicht reparieren, bis die Versicherungsgesellschaft die Zerstörung gesehen hat. Das ganze Dach ist weg. Gestern hat es den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch gegossen, so daß alles überflutet wurde. Sie kam heute zu mir, um meine Maschine eine Stunde lang zu benutzen, da sie keine hat und erzählte mir alles genauestes.
Jetzt ist es nach 10Uhr. Ich gebe Babs eine Flasche und gehe dann ins Bett. Katta wäscht noch, da es diesen Morgen so herrlich war, daß sie mit Baby 3 Stunden draußen war. Baby regt sich über alles auf, aber ich hoffe, daß sie, wenn alles gut geht, nächstes Jahr draußen hinter mir her trotten wird, so daß die Arbeit denn besser vorangehen wird. Wenn sie nur schon allein laufen könnte! Sie kann mit aufstehen, wenn ihr geholfen wird und liebt es zu gehen und zu rennen. Sie ist so ein glückliches Baby, so wie es auch Vera war.
Dienstag 6Uhr abends: Ich bekam gestern abend einen langen Brief von Edie. Es schien ihnen allen gut zu gehen, als Sallie letztes Mal schrieb, was aber schon lange her ist. Sie schrieb, daß Bertie im Frühjahr heiraten will und ich hoffe, daß sie glücklich wird. Ich denke es, da ich Oss sehr gern habe. Ich bin sehr enttäuscht, daß Nellie nicht Stanley Collinson genommen hat, aber ich wollte es ihr nicht schreiben. Ich habe es nicht bemerkt, wie alle Eure Mädchen erwachsen geworden sind, da es doch noch nicht so lange zurück erscheint, daß sie Kinder waren. Wir waren heute Nachmittag mit Katta und dem Baby bei Mrs. Whittle, aber sie war nicht zu Hause, so daß wir umsonst hingefahren sind. Anschließend gingen wir wegen Babys Zwieback zum Bäcker und dann wieder nach Hause.
Jetzt regnet es wieder und das Wetter ist gräßlich. Wir haben die Sonne seit fast einem Monat nicht mehr gesehen, wodurch es mir so schlecht geht. Alle Bäume am Stadt Kanal, in den Anlagen und in den Parks sind einfach herrlich, und die Farben sind fast schöner als im Frühling. Dir würde der Anblick gefallen. Ich bin sicher, daß Dir auch der Markt gefallen würde, auch wenn es zur Zeit sehr unangenehm ist. Ich denke, daß Du in Deinem ganzen Leben noch nie so viel Fleisch gesehen hast, wie wir es hier in dieser Jahreszeit haben. Ich selbst habe so etwas auch noch nie gesehen, wenn man es mit englischen Verhältnissen vergleicht. Gestern wollte ich Steaks kaufen (sie werden hier in große Klumpen mit den Knochen drin geschnitten, daß man das Endstück für Suppe verwenden kann) und ging an den Ständen vorbei und kritisierte alle Fleischer, die ihr Fleisch priesen. Auf einmal sah ich ein Stück und fragte nach dem Preis: 14 Kopeken (3 1/2P), (er glaubte, daß ich nichts davon verstehe) und ich sagte einfach: "Viel zu teuer!" und ging weiter. Dann rief er „13". Ich nahm es nicht zur Kenntnis und er sagte dann : "Kommen Sie bitte zurück und sagen was sie geben wollen, „12?" Also bekam ich 5 Pfund für 60 Kopeken. Heute habe ich für Baby ein kleines Huhn und noch ein Huhn für zusammen 30 Kopeken bekommen. Die anderen Dinge sind furchtbar teuer. Ihre Nahrung (wie Nestles Essen) kostet etwa 1,30 Rubel in einer kleinen Büchse. Jede Kerze kostet 1 1/2Pence und 26 Kopeken je 5 Stück (zusammen 1 Pfund). Zucker kostet 3 1/4 je Pfund und Stückzucker ist noch teurer.
Kannst Du Arthur fragen, wenn mein nächster Scheck kommt, ob er mir die aufgelisteten Sachen für ein Jahr bestellen kann. Schickt ihnen einfach meine Anschrift und mein Postfach an ihre Abschrift. Ich denke daß es 2/9 kostet. Es wir Zeit für das Bad von Baby. Ich hoffe, daß sie wieder so gut wie letzte Nacht schlafen wird. Ich gab ihr nach 10Uhr ihre Flasche und sie schlief bis 7.30Uhr durch. Ich habe nicht einmal gehört, wie Rudolf um 1Uhr geklingelt hat und Katta ihn hereinließ. Er brachte mir eine nette Kiste mit Konfekt mit. Ich würde sie gerne teilen! Wann hast Du die Bilder machen lassen?
Liebe Grüße an alle. Deine Lily.
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  #44  
Alt 15.05.2010, 13:14
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Dokument 34: Riga, Montag (etwa 12.10.1905)
Meine liebe Florrie,
Dein Brief und Vaters Brief, sowie der Scheck kamen hier zusammen etwa vor 2 Stunden an. Danke für alles. Du denkst, daß ich schrecklich schnell mit dem Beantworten der Briefe bin, aber ich fange einfach jetzt schon an und weiß nicht, wann ich fertig werde. Baby ist gebadet und ins Bett gebracht. Ich warte gerade im Büro, bis Rudolf seine Briefe fertig geschrieben hat, die dann das Fräulein zur Post bringt. Danach werden wir Essen gehen. Bevor ich es vergesse: Meine Liebe, verwende bitte nicht so dickes Papier zum Schreiben, wenn Du auch dünneres hast. Dieser Brief hatte zuviel Gewicht! Ich habe vor kurzer Zeit Onkel Rudolf von den schönen Märchen von Grimm erzählt, die Vater mir gegeben hat. Ich weiß nicht mehr, wo sie jetzt sind. Ich habe auch ein uraltes Buch von Andersen, das mir Großvater zu meinem 10. Geburtstag gegeben hat. Frag Vater, ob er sich dran erinnert. Es hat einen grünen Rücken. Ich meinte natürlich das Buch "Owl & the Pussy Cat". Ich denke es hat damals 6/- gekostet, wird aber jetzt billiger sein. Ist es nicht auch nett?
Rudolf hatte eine schreckliche Erkältung, die ich jetzt bekommen habe. Ich hielt 10 Tage durch, bekam sie aber jetzt, wo es ihm wieder besser geht. Gestern nach dem Essen, an Kattas freiem Tag, fuhren wir hinüber zum Park nach Thorensberg. Es ist eine schöne Fahrt über die Düna auf der Ponton Brücke. Es war ein herrlicher Nachmittag! Baby hält eine Droschke für das Allerschönste und strahlt jeden an. Ich bin sicher, daß Du Dich über sie freuen würdest, weil sie so viel Spaß hat und alles nachmacht, was wir machen, aber sie kann noch immer nicht allein gehen. Ich werde glücklich sein, wenn sie es endlich kann. Jetzt ist es noch schwer, weil sie schon aus ihrem Stuhl heraus will und wir sie nicht herum krabbeln lassen, außer auf den Betten, weil diese Fußboden, auf denen keine Teppiche liegen, so zugig sind. Ich haben jetzt Reitstunden und gehe zweimal in der Woche. Das ist, wonach ich mich mein ganzes Leben gesehnt habe. Onkel Rudolf geht auch mit mir mit, aber reitet noch nicht. Es wäre für ihn zu langweilig, bis ich es richtig kann. Onkel Rudolf ritt auch auf einem solchen großen grauen Pferd wie ich. Es heißt Malchik (der russische Name für "Junge"). Sobald man absteigt, kommt er und schmeichelt einem, um liebkost zu werden und bettelt nach Brot und Zucker. Es ist so ein nettes altes, aber nervöses Pferd. Ich denke, daß er am ersten Tag von einer zerbrochenen Scheibe erschreckt war, die jemand mit einem in Papier gewickelten Stein eingeworfen hatte. Als ich abgestiegen war, nahm ihn der Junge dorthin und ließ ihn daran riechen und es untersuchen. Das nächste Mal machte er ohne Grund einen kleinen Tanz. Wenn ich ihn im Griff habe, wird es mir nichts ausmachen. Aber jetzt frage ich mich, was er als Nächstes machen wird. Er versteht die Rufe seines Herrn viel schneller als ich und befolgt seine Befehle ohne große Hilfe durch mich.
Vor einigen Tagen haben wir vom Tod von Irving gelesen. Ich fühlte fast so mit, als wenn jemand, den ich kenne, gestorben wäre, obwohl ich ihn noch nie gesehen habe.
Dienstag, 12Uhr: Baby schläft jetzt. Ich war schon auf dem Markt und habe Rindfleisch, Butter, Käse, Äpfel und Fisch gekauft. Jetzt brät das Fleisch und der Yorkshire Pudding ist im Backofen. Katta ist fleißig und wischt im Schlafzimmer usw. Staub, daß wir dann mit Babs herausgehen können, wenn sie aufwacht. Heute ist ein herrlicher Tag. Ich will das Mittagessen früh fertig haben und danach Frau von Stürmer, die Pastorsfrau, anrufen. Sie kamen vor kurzer Zeit und meinten, daß ich nie kommen würde, aber es ist für mich so unbequem, viel auszugehen. Man muß Mrs. von S. vor 4Uhr anrufen, weil sie danach telephoniert. Bei ihr gibt es den schönsten Tee und das beste Brot mit Butter, das sich jemals versucht habe (ihre Bedienung backt jeden Tag) und hat so schönes chinesisches Geschirr. Sie ist solch eine nette alte Dame und Mr. von S. ist so lebhaft, wie ein junger Mann, obwohl er schon 72 Jahre alt ist. Manchmal essen wir so spät zu Mittag, weil dann jemand wegen einem Geschäft hereinkommt, wenn gerade das Essen auf dem Tisch steht. Wenn es ein Jude ist, dann weiß er nicht, wann er zu gehen hat.
Ich habe Mrs. Schultz gestern gebeten, mit dem Kind und der Bedienung zum Tee zu kommen, weil es jetzt für Babs zu kalt ist, so viele Stunden draußen zu sein. Sie kam schließlich um 4Uhr allein vorbei, da das Baby eingeschlafen war. Sie hatte ihrer Bedienung gesagt, daß sie nachkommen sollten, wenn das Baby aufwacht, aber es schlief wohl sehr lange, weil sie nicht kamen und Mrs. S. um 6.30Uhr wieder ging. Sie hat uns diesen Sonntag zum Kaffee eingeladen und darum gebeten, das Baby mitzunehmen. Es ist Kattas freier Sonntag und auch der freie Sonntag von ihrem Mädchen, so daß ich denke, daß wir es zusammen mit unseren Babys schön haben werden, auch wenn ihres schon gehen kann. Ihre Brüder und ihre Schwester werden auch da sein. Ich weiß jetzt schon, daß Babs bei so vielen Fremden schreien wird. Mrs. S. spricht kein englisch, aber ich denke, daß sie eine nette Frau ist. Nächsten Sommer kommt sie für zwei Monate nach London. Mr. S. muß dorthin geschäftlich und wird sie mitnehmen. Natürlich wird es ihm bezahlt. Er ist hier bei einer Buchhandlung und Druckerei.
Denkt von Euch Mädchen keine daran, weiter auf die Schule zu gehen, wie es Edie gemacht hat? Ich bin sicher, daß es sich in Newton bezahlt machen würde. Eine von Euch sollte hierher kommen und im Kindergarten (Fröbel-System) lernen, wo fast alle Kinder zuerst hingehen. Es gibt hier so viele Kindergärten. Dann kannst Du zurückgehen und wirst sehr gefragt sein. Lernt eine von Euch deutsch? Ich bin sicher, daß es einfacher ist als französisch. Dort ist die Aussprache so schrecklich!
Das von Vaters Bild hört sich gut an, aber ich kann nicht verstehen, warum er die Drucke verachtet, da sie doch so herrlich sind. Alice hat mir ein schönes Aquarellbild zum Geburtstag geschickt, auf dem ein großer Fels mit Möwen ist, die dort herumfliegen und herrlicher Seegang auf der unteren Seite. Wir lassen es jetzt rahmen.
Baby ist sehr lustig. Ich denke, daß sie jetzt groß genug ist, um Kinderkleider zu tragen. Ich mache ihr gerade einige. Gestern habe ich ihr eines angezogen und sie bewunderte es sehr. Sie sah es an, strich es glatt und bemerkte dann, daß man schön damit "Peep" spielen kann. Sie schlief gestern nach dem Bad von 7.30Uhr bis heute früh 8.30Uhr (ich habe sie noch einmal um 10Uhr gefüttert, aber sie wachte nicht auf). Ich hatte eine ruhige Nacht und war froh, weil mich meine Erkältung doch sehr ermüdete.
Mittwoch 12.Uhr: Gestern, als ich Dir gerade um 1Uhr mitten am Tag geschrieben habe, wurde ein armer Mann nahe bei uns mitten in der Stadt erschossen. Und wie immer: die Männer entkamen. Es kamen plötzlich 4 oder 5 gut angezogene Männer, als er zur Bank fuhr, schossen auf die Droschke, erschossen ihn und verletzten das Pferd und den Fahrer. Sie entkamen mit 26.000 Rubeln. Sonntag nachmittag hielt ein Polizist eine Droschke mit sechs Männern in Hagensberg an, weil 4 der Männer darin so rüpelhaft waren. Sie erschossen ihn und entkamen natürlich. Er sollte in 2 Wochen heiraten. Montag Abend um 7Uhr wurden drei und um 9Uhr ein Schnapsgeschäft in unserer Nähe ausgeraubt. Im einen wurde ein Mann getötet. Ich hörte auch von Miss von S., daß Mr. und Mrs. Whittle am Sonntag abend dasaßen und lasen, als bei ihnen zwei große Steine durch ihr Wohnzimmerfenster geworfen wurden (sie haben eine Wohnung parterre). Sie ist jetzt so durcheinander, daß sie sich in kein Zimmer traut, das zur Straße liegt und sich jetzt noch nur im Zimmer zum Hinterhof aufhält.
Die Bande, die Häuser angezündet hat, wurde gefangen, verprügelt und für 20 Jahre nach Sibirien geschickt. Das ist eine härtere Strafe, als sie für einen Mord bekommen. Es ist ein verrücktes Land, das um nichts in der Welt angenehm ist.
Es hat die ganze Nacht hindurch geschneit und schneit noch immer. Ich muß am Nachmittag zum Reiten nach Hagensberg. Auf Wiedersehen und Grüße an alle. Babs ist gerade aufgewacht. Sie hat mich letzte Nacht von 1-3Uhr wachgehalten, nachdem sie schon von 10-12Uhr nicht schlafen konnte, weil die Leute über uns solch einen Krach machten. Bist Du noch bei Vulcan? Ich denke, daß der Dezember auch vorübergehen wird. Mach Dir nichts daraus. Deine liebe Tante Lily.
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Alt 15.05.2010, 13:24
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Dokument 35: Riga, 22.10./04.11.1905

Lieber Arthur,
ich nehme an, daß alle englischen Zeitungen über "The Freedom of Russia" - die Freiheit in Rußland - jubeln werden. Ich weiß nicht, aber ich habe im Guardian von gestern vor einer Woche, der gestern mit dem Dampfer am Mittwoch oder Donnerstag gekommen ist, davon gelesen. Sie sollen hier jetzt "freie" Menschen sein, wo doch keine Züge fahren, sie selbst nicht arbeiten und sie es auch anderen nicht erlauben, die arbeiten wollen. Sie gehen sogar herum und erzwingen sich Zugang zu Privathäusern und zwingen die Bediensteten, mit zu ihren Treffen zu gehen. Wir haben sie gestern gesehen, als wir im Hotel waren. Einige Kosaken und Dragoner ritten vorbei und nahmen von nichts Notiz, aber ich nehme an, sie konnten es nicht, um nicht in Unruhen verwickelt zu werden. Katta fürchtet, daß sie auch hierher kommen werden. Wir haben ihr erlaubt, daß sie zu den Treffen gehen kann, aber sie will nicht. Das Fräulein im Büro war sofort weg. Alle Geschäfte sind geschlossen und keine Wagen und Züge fahren. Rudolf sagt, daß man nur lettisch auf den Straßen hört und jeder zu einem Treffen eilt. Sie haben jetzt das Theater gewaltsam besetzt und versuchen ihr bestes, um deutsche Zeitungen daran zu hindern, zu erscheinen.
Rudolf mußte unsere Zeitung in seiner Tasche verstecken, als er gestern nachts durch die Straßen ging, um zu verhindern, daß sie sie ihm wegnehmen. Sie fordern, daß die Kosaken, die Soldaten und die Polizisten abgezogen werden und der jetzige Bürgermeister und der Rat entlassen werden (damit sie Letten haben können). Eine Abordnung ging und forderte, allein zum Bürgermeister vorgelassen zu werden. Er sagte, daß er sie nacheinander zu dritt empfangen würde, wenn sie ihm zeigen würden, daß sie unbewaffnet sind, was sie aber ablehnten. Daher hat er sie nicht empfangen. Jeder denkt jetzt, daß es in einem Aufstand und einem Massaker enden wird. Ich denke, es ist schade, daß man ihnen allen die Oberhand ließ. Natürlich ist der Gouverneur jetzt in einer ekelhaften Lage. Wir trösten uns damit, daß wir denken, daß sie nicht alle auf einmal umbringen können und wir nahe beim Hafen sind. Wenn wir aber umgebracht werden, mußt Du versuchen unter allen Umständen Baby zu finden. Ich nehme an, daß Katta sie nicht verlassen wird. Sie wird wahrscheinlich mit ihr nach Assern flüchten, wo ihr Vater in Schlonck lebt und bei ihren Brüdern sein wird. Ich würde am liebsten mit allen zusammen hier heraus sein. Es macht mich doch so nervös, da es das letzte Mal das ganze Jahr hindurch andauerte.
Hast Du von dem armen Mann gelesen, den sie in der Mittagszeit letzte Woche in der Nähe von uns erschossen haben, als er zur Bank fuhr und sie ihm 35.000 Rubel gestohlen haben? Sie schickten dem Fahrer 150 Rubel. Sie schossen ihm in seinen linken Arm und erschossen auch noch sein Pferd. Sie gingen auch in Libau mit Revolvern in eine Bank und nahmen mitten am Tag einige tausend Rubel mit. Letzten Sonnabend töteten sie wieder einen Offizier, der nach Hause fuhr, weil er nicht aus seiner Droschke aussteigen wollte. Der arme Kerl wurde im Wagen verletzt. Als er herauskam und versuchte, zu einem Apotheker zu gehen, warfen sie ihn zu Boden, schossen fünfmal auf ihn, raubten ihn aus und brachen ihm noch seine rechte Hand, bevor er starb.
Am Sonntag war bei der Beerdigung eine große Menschenmenge. Rudolf sagt, daß sie ihn zuerst umbringen und dann alle zusammenkommen, um zu sehen, wie er begraben wird. Mr. Bergfried fragte (Bergfrieds kamen gestern abend zum Essen): "Warum mußte er sterben? Nur weil er in einer Droschke fuhr?" Bergfrieds kamen gerade, als wir angefangen hatten, die Zeitung zu lesen, die Rudolf in Sicherheit gebracht hatte. Das Herz stand mir still, als sie klingelten. Ich dachte, daß es die Aufrührer wären, war aber froh, daß es nicht so war. Es ist eine Wohltat, sich heutzutage mit jemandem unterhalten zu können!
Am Sonntag wurden auch einige Leute erschossen. Auf einen Offizier (in der nächsten Straße von uns) schossen sie acht mal aber trafen nicht ihn, sondern einen Passanten. Ich nehme an, daß sie zufrieden waren, überhaupt jemanden getroffen zu haben. Wenn man alles zusammen sieht, ist es eher Anarchie als Freiheit!
Sonntag 11Uhr vormittags: Ich mache den Brief jetzt fertig und bringe ihn zur Post, weiß aber nicht, wann Du ihn bekommen wirst (wenn überhaupt). Sie haben wieder alle Züge stillgelegt und wir bekommen weder Briefe, noch Zeitungen. Rudolf bekam gestern einige 10 oder 12 Tage alte. Eine brachte ihm gestern ein Kapitän. Man sagt, daß sie morgen zu kämpfen beginnen wollen. Seit gestern ist Babys Milchgeschäft geschlossen. Die Leute gingen hinein und zwangen sie dazu. Es gehört einem Baron Engelhardtshof. Sie besitzen ein großes Unternehmen, haben überall Niederlassungen, halten ihre eigenen Kühe und machen alles selbst. Sogar die Milch wird von Ärzten untersucht und in versiegelten Flaschen für 15 Kopeken je Liter verkauft (Das ist hier in diesem dreckigen Land ein großer Vorteil). Seitdem die Unruhen begannen für 25 K. Wir können nur annehmen, daß diese Sozialisten den Preis nicht noch höher treiben, da der normale Preis 10 K. für einen Stof ist. Ein russischer Stof sind 1 1/2 Liter. Man bekommt jetzt sehr wenig Milch, wenn keine Züge fahren, die sie bringen können. Ich möchte nur wissen, wie das mit den Kämpfen noch weitergehen soll!
Ich habe jetzt gelesen, daß sie gestern in Baku in ein Haus eingebrochen sind und das Baby aus dem Fenster geworfen haben. In diesem Augenblick dachte ich, ich müßte diese Idioten in gutem, treffenden Englisch sagen, was ich von ihnen halte. Am nächsten Tag hörten wir, daß sie in der Stadt in ein Geschäft gekommen sind und forderten, daß es geschlossen wird. Der Besitzer sagte "Nein!" Sie wollten nichts kaufen und wurden aufdringlich. Daraufhin zog er seinen Revolver heraus und sagte: "Jetzt werde ich Euch zeigen, wie ein Deutscher schießt!" und erschoß einen. Danach hörten wir, daß es nur ein "leerer" Schuß war (das tut mir schrecklich leid!) und sie auf einem ihrer nächsten Treffen beschlossen, ihn umzubringen.
Mir ist es gelungen für Baby einen Liter Milch für 20 K. hier von einem Arzt zu bekommen, der auch Milch für Kinder hat. Unsere Milch, die wir heute bekommen haben, war sauer. Was die Dinge noch viel schlimmer macht, ist, daß das Wetter schrecklich düster ist. Ich weiß nicht, wann die Sonne wieder scheinen wird. Wenn nur die Hälfte als Regen herunterkommen würde, wäre es das Beste, was uns passieren kann und ihre Hitze etwas abkühlen!
Die Treffen werden meistens auf dem Griesenberg, einem Hügel außerhalb der Stadt abgehalten. Das Fräulein hat Katta erzählt, daß dort auch ein Platz für Schulkinder ist, die auch eine rote Fahne haben und wo auch Kinder sprechen. Eine Sache, die sie sagen, ist, daß sie ihren Katechismus nicht lernen wollen. An einer (lettischen) Schule auf der anderen Flußseite brachen alle Kinder (20 und 23 Jahre alt) aus, gingen zu den anderen Kindern und forderten sie auf, auch heraus zu kommen, Steine zu werfen und gegen ihre Lehrer grausame Schwüre auszusprechen. Schließlich gingen sie zu einer Mädchenschule, die auch dort am Hof angeschlossen ist. Dort zeigte ihnen jemand einen Besenstiel, und einen Eimer Wasser, worauf sie abzogen. Was kann man aber in der Zukunft von den Kindern erwarten, die sich so benehmen!
Mrs. Priestley ist so nervös und krank. Sie sagt, daß sie froh wäre, wenn sie hier weg könnte und nur ihre Kleider, die sie an hat, mitnehmen könnte. Aber was kann man machen! Man kann nicht sein Haus, sein Eigentum, sein Geschäft und alles andere der Gnade dieser Scheusale überlassen. Wenn sie in England, dem "Land der Freiheit" wären, würden sie lernen, sich ordentlich zu benehmen. Hier ist die Bestrafung für einen Mord ein kurzer Gefängnisaufenthalt und die Gefangenen scheinen eine lustige Zeit, im Vergleich zu englischen Gefängnissen, zu haben. Ich habe solche Angst und weiß nicht, ob Du jemals diesen Brief bekommen wirst. Liebe Grüße an alle. Tante Lily.
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Alt 15.05.2010, 13:33
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Dokument (Fragment) 36: Herbst 1905

...in eine Wiege (wenn sie älter ist, kann man sie wegnehmen). Es ist blaßblau und silbern und Ich habe weiße Musselin Vorhänge daran gemacht. Sie sitzt neben mir auf Kattas Knie und zeichnet mit einem Bleistift auf ein Blatt Papier. Sie scheint mit dem Papier so glücklich zu sein, und liebt es so, wie ein Buch. Ich möchte, daß Du Ihr zu Weihnachten ein 1/- Buch kaufst, wenn es nicht zu viel Mühe macht. Wenn es geht in Leinen (aber es macht nichts, wenn wir es ihr zeigen können) mit großen, farbigen Bildern. Ich sah in einer Anzeige Louis Wains Animal Book für 1/-. Hast Du es auch gesehen? Du kennst doch seine netten Katzen. Kann man noch das alte A.B.C. bekommen, in dem wir lernten A als Arch (Bogen) usw.? Mrs. Wood hat ihr ein Buch "Kindergarten Alphabet" geschickt. Ich denke aber, daß es für Kinder ziemlich dumm ist. G ist ein Grammophon, M ist ein Motorwagen usw.
Sie kann jetzt an Stühlen und mit etwas Hilfe gehen, aber noch nicht allein. Ich weiß nicht, was ich ohne Katta tun sollte. Sie ist so gut zu ihr! Jetzt schiebt sie sie in ihrem Kinderwagen herum. Es ist ihr freier Sonntag und wir sitzen im Büro. Rudolf liest den neuesten Guardian im Wohnzimmer. An einem Tag war ein guter Brief aus Moskau darin. Der Schreiber sagt, daß es eine destruktive und keine konstruktive Revolution ist. Niemand kannte die Bedeutung von Freiheit und alle waren wie Kinder mit einem neuen Spielzeug. Wenn man sie fragte, wußte keiner, was er wollte. Ich denke, daß ich meine Reitstunden nächste Woche wieder beginnen kann. Ich war jetzt drei Wochen lang nicht mehr reiten. Zuerst gingen keine Schiffe und dann war es drüben etwas zu unsicher.
Donnerstag: Baby, Katta und ich gehen zu Mrs. Schultz zum Tee. Es ist für die Kinder nett, wenn sie zusammen sein können (nur sie kämpfen immer miteinander). Sie wohnt ganz nah in der Stadt, aber ich möchte diesen Winter nicht zu Mrs. Whittle oder zu anderen gehen, die in der Vorstadt wohnen, da es jetzt schon früh dunkel wird. Wir müssen schon um 4Uhr Licht machen. Wenn alles gut geht, wollen wir zu Weihnachten nach Libau zu fahren, um dort Weihnachten zu feiern, aber ich werde die ganze Zeit Angst haben, daß die Eisenbahn bestreikt wird und wir nicht zurückfahren können. Ich denke, daß es in Libau schwieriger ist, als hier.
Am Mittwoch haben sie einen Polizeioffizier, den Rudolf kannte, umstellt und beschuldigt, Männer zu bestechen. Sie wollten ihn in den Hafen werfen, schleiften ihn aber vor ein "Comittee" von Männern in einer Fabrik. Das Ergebnis war, daß sie ihn herausbrachten und erschossen! Soldaten usw. sind nirgends anzutreffen, wenn man sie braucht, und die Polizei taugt nichts. Von Rudolf wurden einige Barren Blei gestohlen. Er zeigte es an, aber sie sagten, sie könnten in so einer geringen Angelegenheit nichts unternehmen. In den letzten Unruhen ging ein Mr. Mitschke, der ein Geschäft voll von Waffen hat, zu ihnen und bat um Soldaten, weil er fürchtete, der Mob würde ihn berauben und sich bewaffnen. Sie sagten aber, sie könnten nichts tun und er müsse sich selbst schützen. Dies sagten sie auch, als der Vermieter von Mrs. S., in der Straße von 10 Männern umringt wurde, die von ihm Geld wollten. Er gab jedem 1 Rubel. Sie sagten ihm, wenn er nicht jedem noch 10 Rubel geben würde, würden sie um 3Uhr kommen und ihn aufhängen. Ich weiß nicht, ob er noch lebt, aber er wurde noch nicht gehängt. Dies ist ein schreckliches Land, in dem niemand Ehrfurcht vor dem Leben hat. Zwei Fischweiber stritten am Donnerstag auf dem Markt miteinander. Die eine tötete die andere mit einem Schlag. Ich hoffe, daß wir es sicher überstehen.
Liebe Grüße an alle. Eure Lily K.
P.S. Montag: Denke nicht, daß ich blutrünstig bin. Es tut mit schrecklich leid, über solche Vorkommnisse nachdenken zu müssen, aber es ist zu schlimm für andere. Wenn Ihr hier wärt, mit ihnen zu tun hättet und sehen würdet, wie sie sich benehmen, dann würdet Ihr besser verstehen, wer und was sie sind. Es macht mich so rasend, wenn ich darüber nachdenke, daß Engländer für sie Unterschriften geben und ihre eigenen armen Leute zu Hause verhungern lassen, wo sie doch arbeiten würden, wenn sie es könnten.
Ich kann kein Geld für das Buch für Baby schicken, da ich keine englischen Briefmarken mehr übrig habe. Wenn Ihr es aber vorstrecken könntet und es dann von meinem Geld nehmt, wenn es kommt, wäre ich sehr dankbar. Wenn der Scheck kommt, dann schickt mir bitte für 5/- davon in Briefmarken. Heute ist die Sonne wieder verschwunden. Es ist düster und dunkel und feiner Schnee fällt die ganze Zeit vom Himmel. Ich denke nicht, daß ich mit Babs heute herausgehen werde. Ich habe ihr eine unzerbrechliche Puppe gekauft und ziehe sie jetzt für Weihnachten an. Sie freut sich so, wenn ich sie ihr für ein paar Minuten gebe. Dann liebt und pflegt sie sie wie ein großes Mädchen. Von Rudolf wurden wieder einige Barren weißes Blei aus dem Lager gestohlen (60 Rubel). Die Frau des Hausmeisters ist jetzt hereingekommen und wütet in lettisch, und sagt, daß sie nicht auf alles aufpassen können usw. Ich fürchte, daß wir diese Wohnung verlassen müssen. Sie ist in vieler Hinsicht nicht einwandfrei, aber ich befürchte, daß wir keine andere mit einem Bad oder heißem Wasser bekommen werden. Es ist schrecklich, hier in Rußland leben zu müssen! Der Vermieter kommt unangemeldet herein, wann es ihm paßt. Genau so auch der Hausmeister oder seine Frau (sie trägt Holz, putzt die Treppe, den Hof und die Straße usw. - richtig grobe Leute!). Man kann sich nie in diesem Land zu Hause fühlen; es ist eher wie ein logieren, fast aber wie in einem Gefängnis, Ich weiß nicht, wie Rudolf sich gerade jetzt bei so einer Frau beherrschen kann. Ich würde sie am liebsten rausschmeißen. Nochmals Deine Lily.
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Alt 15.05.2010, 14:01
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Dokument 37: Riga, an einem Sonnabend im November 1905

Mein lieber Arthur,
Dein Brief war gestern höchst willkommen, auch wenn er zu kurz war. Ich schicke das L.C. zurück. Kannst Du noch eine Postkarte an die Leute in London mit 3/- wegen zwei weiteren Bildern schicken. Ich füge die Anschrift und die Namen auf einem extra Blatt bei. Ich muß gehen und sie von Mrs Whittle nach dem Mittagessen holen, weil ich meinen Katalog verlegt habe. Es sind zwei sehr kleine von Landser mit Kühen. Heute wollten wir ins Theater gehen und eine von Schillers Tragödien ansehen. Ich kann aber nicht, weil wir drei lebhafte Nächte mit dem Baby hatten und ich mich sehr müde fühle. Letzte Nacht habe ich nur drei Stunden geschlafen und kann hier am Tag nicht schlafen, weil es zu laut ist. Sie bekommt zwar nur Zähne, hat dann aber Fieber und liegt die ganze Nacht wach. Sie will dann spielen und nicht schlafen. Letzte Nacht rief sie mich "Bow-wow-wow", weil meine Haare überall herüber waren. Um 10Uhr konnte ich eineinhalb Stunden schlafen und jetzt hat Katta sie vor dem Essen etwas herausgebracht.
Letzten Sonntag waren wir am Nachmittag bei Bergfrieds und blieben zum Kaffee. Da es Kattas freier Tag war. Wir nahmen Baby in einer Droschke mit und sie war ruhig. Sie haben drei kleine Mädchen: Xama, etwa 11, Thania 8 oder 9 und Tina, die 6 oder 7 Jahre alt ist. Nach dem sie sich anfreundeten, verhielt sich Baby ruhig und erlaubte es Xama, sie zu versorgen, als ich Kaffee trank. Sie hatten solche Freude mit ihr und gaben ihr eine kleine Puppe, über die sie sich sehr freute. Den ganzen Weg nach Hause umklammerte sie sie in der Droschke mit ihren Händen und sie kommt jedes Mal mit ihr zum Baden mit (eine schwimmende Puppe). Gestern hatte ich Besuch. Frau und Fräulein Mecketh (Ich habe Dir, denke ich, schon erzählt, daß wir uns in Bullen kennengelernt haben). Das Mädchen ist 16 und lernt englisch (der Vater ist in einer Bank angestellt und war 16 Jahre in England. Ein Sohn ist Offizier und wurde verwundet). Nachdem ich nach Hause kam, rief ich sie an und sagte ihr, daß ich am Freitag Nachmittag zu Hause wäre. Wir trafen das Mädchen Margot am Sonntag und sie sagte, daß sie Freitag kommen würden. Also legte ich einige Kuchen und Sahne bereit und nahm auch mein Silberbesteck heraus und wartete also. Sie tauchten nicht auf. Wir tranken dann um 5Uhr allein Kaffee und lästerten über sie.
Als ich um 6.30Uhr gerade Babs baden wollte, trafen sie zufällig ein und blieben den ganzen Abend. Daran kann man erkennen, daß deutsche Damen nichts von kurzen Besuchen am Nachmittag halten. Wenn sie aber kommen, dann wird es eine Heimsuchung. Zum Glück hatte ich genug für das Abendessen zu Hause. Sie blieben bis nach 10Uhr und sind sehr nett. Die Mutter ist eine sehr schöne Frau, aber so eine Quasseltante, bei der man kein Wort herausbringt, da sie pausenlos spricht.
Jetzt ist es 6Uhr abends und noch immer hell genug, daß man im Büro schreiben kann. Rudolf ist ausgegangen und das Fräulein ist zur Post gegangen, so daß Katta, das Baby und ich auf das Büro aufpassen. Es ist fürchterlich kalt geworden. Es weht ein schneidender Wind und ich denke, daß es heute Nacht frieren wird. Der kalte Wind bläst sogar durch unsere Doppelfenster, daß wir nicht bei ihnen sitzen können. Es wird immer unsicherer, daß man nicht mehr herausgehen kann, weil jeden Tag mehr Überfälle sind. Die Treppenhäuser und Eingänge müssen um 5Uhr beleuchtet sein und die Eingangstüren müssen um 8Uhr abgeschlossen werden. Morde passieren hier so oft, weil es keine Todesstrafe gibt. Das höchste, das sie bekommen können, sind 20 Jahre. Wenn ein neuer Zar an die Macht kommt, oder etwas ähnliche passiert, werden sie alle wieder freigelassen.
Ich bekam auch schon einige Komplimente dafür, wie schnell ich deutsch sprechen gelernt habe, aber ich nehme alle „cum grano" hin, da ich weiß, daß ich schlecht spreche, mich aber so weit verständigen kann. Ich kann sogar einiges aus der Zeitung lesen, aber das Schreiben macht noch immer Schwierigkeiten. Rudolf muß viel korrigieren, wenn ich versuche, einen deutschen Brief zu schreiben. Gestern schrieb ich einen an Frieda und einen an Gerda, Wilmas älteste Tochter, die mit ihrer jüngeren Schwester jetzt in ein Internat gekommen ist. Sie schrieb mir gestern und hat mich schon sechsmal gebeten, ihr bald zu schreiben. Ted und seine Frau, das arme Ding, tun mir sehr leid. Was werden sie jetzt machen? Ist sie wirklich schön? Reg ist ausgezogen. Hast Du jemals etwas von ihm gesehen? Ich habe ihm schon mehrmals geschrieben, aber Ted hat mir noch nie geantwortet. Hast Du schon einmal von Allen Raine gehört, die walisische Bücher schreibt? Minnie Mitchell schickte mir drei 6 Pence Ausgaben zum Geburtstag: "A Welsh Witch on Berwen Banks" und "On the Wings of the Wind" sind zwei davon. Mrs. Whittle schwärmt von ihnen. Ich habe bisher nur das letztere gelesen und denke, daß die 6 Pence verschwendet waren. Es ist aber heutzutage jedes Buch annehmbar und man darf einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen. Du mußt mir einmal Edward Lears "Nonsense Book" kaufen. Ich will es schon seit Jahren haben und das Baby ist dafür ein guter Vorwand. Wie hieß das andere schöne Buch mit Veras Geschichte, in der sich der kleine Junge unter dem Sofa versteckte und der Riese seinen Fuß wegschnappte? Ich lese wieder "What will he do with it".
Babs ist jetzt im Bett und es ist 7.30Uhr. Ich werde mich jetzt vor dem Abendessen eine halbe Stunde hinlegen, da niemand weiß, ob sie die Nacht durchschlafen wird. Ich hoffe, daß sie es wird, da ich sehr müde bin, Rudolf erkältet ist und Kopfschmerzen hat. Ich fuhr heute zu Mrs. W. und erwischte einen Fuhrmann, der ordentlich fuhr. Normalerweise trödeln sie herum. Letztes Mal fuhr einer so eng in die Kurve, daß er über den Bordstein fuhr und ich dachte, daß wir aufgesessen wären. Wir kamen aber wieder auf die Straße und kamen glücklich weiter. Babs nahm es wie immer gelassen hin. Nun aber auf Wiedersehen mit lieben Grüßen an alle und einem Kuß für Vera. Deine Lily.
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Alt 15.05.2010, 14:07
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Dokument 37 b: Riga, Sonntag 11.30Uhr, Januar 1906

Lieber Alf,
da Kattas freier Sonntag ist, beginne ich sehr früh, da ich später die ganze Zeit Babs an der Hand haben werde, weil sie noch immer auf die Möbel klettern und darauf gehen will und sie dauernd aufgepaßt werden muß. Ich denke, daß sie bald allein gehen kann, aber sie ist doch erst 16 Monate alt. Sie ist ein sehr lustiges Baby. Ich würde sie Euch gerne zeigen, bevor sie groß wird. Sie macht alles nach und schreibt sogar (auf ihre Weise) mit einem Bleistift und Papier und tut so, wie wenn sie einen Bleistift (mit einem geschlossenen) Messer anspitzt, so wie sie gesehen hat, daß ich es mache. Sie hat Bücher gern und sogar das große Kopierbuch im Büro gefällt ihr, wenn man die Seiten umblättert. Aber Bilder gefallen ihr noch mehr. Es ist so lieb von Dir, uns anzubieten, wieder einige Weihnachtsausgaben zuzuschicken. Die vom letztem Jahr waren sehr schön und haben uns sehr gefallen. Ich habe sie einigen Leuten gegeben und behalte sie jetzt für Babs. Hier sind Bücher furchtbar teuer. Man kann sie von den Bildern und vom Stil her nicht mit den englischen Büchern vergleichen. Ich denke, daß wir sie bekommen, wenn Du sie schickst. Nach dem letzten Streik kam alles an, wenn auch verspätet. Rudolf bekam einige 10 und 12 Tage alte Briefe und die Guardians kamen zu zweit oder zu dritt. Mr. Ball bekam drei Zeitungen an einem Tag. Haben sie Dir eigentlich schon ein Formular wegen der Miniatur zum ausfüllen geschickt? Ich habe Alice gebeten, mir zum Geburtstag drei Stiche zu schicken, die jetzt alle eingerahmt sind und herrlich aussehen.
Bezahle bitte für uns wieder den Guardian! Ich würde alles geben, um diesen Winter nach Hause zu kommen, aber ich kann ohne Rudolf nicht daran denken! Ich war einmal in England ohne ihn und weiß was es bedeutet, aber, nebenbei gesagt, wäre es jetzt zehnmal schlimmer und ich würde dann am liebsten jeden Tag herüber rennen wollen, um zu sehen, wie es ihm geht. Es wäre herrlich, wenn er nur sehen könnte, wie er auch mitkommen kann. Ich wünsche mir so, daß wir es könnten, weil ich so um Babs Angst habe. Wenn sie nur sicher wäre, würde ich mir nicht so viele Gedanken machen, daß es besser wäre, schnell getötet zu werden, als lange im Bett zu liegen, besonders in diesem Land. So viele Leute verlassen jetzt das Land! Letzte Woche waren es Mrs. Marshall, Mrs. Hothergil, sowie Mrs. Edwards und ihre Kinder. Nächste Woche fährt Mrs. Beckmann aus Sunderland. Ihr Mann stammt aus Riga. Sie folgt ihrem Sohn. Jeden Tag hören wir von mehr, die uns verlassen. Mr. Smith will, daß seine Frau und die 2 Kinder auch gehen, aber sie kann sich nicht entscheiden. Mrs. Whittle und Mrs. Schultz, ich und einige andere können nicht kommen. Mrs. W. fragt sich, was aus unseren Häusern werden würde, wenn wir gehen würden, da man sie nicht verkaufen kann und niemand jetzt auch nur solche Objekte kaufen würde (außer alten Juden, die nichts zahlen wollen). Mrs. W. hat einige schöne Sachen, so wie auch wir, auf die wir nicht verzichten wollten, auch wenn wir eine schönere Wohnung bekommen. Wir werden alle eine schönere Wohnung bekommen, wenn wir nicht vorher umgebracht werden. Jetzt ist alles ruhig, aber jeder ist verdächtig. Jetzt ist es wie imJanuar. Wir sind alle noch erschrocken wegen dem Tag, als sie in Petersburg so viele Menschen umgebracht haben.
Mrs. Whittle traf letzten Dienstag bei einem Kaffee bei Mrs Mitchell eine Gouvernante aus dem Haus des Gouverneurs. Sie erzählte, daß dort eine Verschwörung ist, die sie noch nicht aufgedeckt haben. Letten (und einige sagen auch die Russen) wollen die Deutschen und die Balten umbringen. Du weißt, daß im Januar der Fluß gefroren ist und wir daher keine Fluchtmöglichkeit haben. Wenn das letzte Boot abgelegt hat, sind wir alle von der Außenwelt abgeschnitten.
Wenn Du denkst, daß ich Nerven habe, dann hast Du Recht, da es jedem so geht. Ich denke, daß alles von diesem Streik kommt. Die lang andauernde Totenstille, die dem üblichen lebhaften Umtrieb folgte, war einfach schrecklich. Die Polizei ist jetzt so schwach, daß die Männer jetzt selbst eine Art Selbstschutz-Gemeinschaft gebildet haben. Jedes Mitglied hat einen Revolver und eine Pfeife. Wenn einer pfeift, dann kommen alle Mitglieder, die es hören, zu Hilfe. Fast jeder, den wir kennen, ist dabei. Das, was täglich passiert, geht auf die Nerven. In der Zeitung vom Mittwoch kann man von drei Morden, zwei von ihnen mitten am Tag, einer am Abend, lesen. Letzte Woche gingen 11 Männer zu einem Haus in der Nähe von Mr. Whittle, knebelten den Hausmeister, den Koch und das Hausmädchen und forderten vom Mann und der Frau, sie durch die Räume zu führen und ihnen alles zu übergeben. Diese Woche drangen 22 Mann in ein Haus ein, fingen die Magd ein, als sie auf einen Botengang geschickt wurde und klopften an die Tür. Als ihnen geöffnet wurden, machten sie es dort genau so. Sprich bitte nicht so sarkastisch über den "armen Zar". Ich bedauere ihn so und denke, daß er es allein durchstehen muß.
Ich habe gesehen, daß schließlich Mr. Frankenberg seinen Willen bekommen hat. Es hat lange gedauert, bis es so weit war. Ich hoffe, daß er ein guter Bürgermeister sein wird, aber er wird nie so werden, wie der gute alte "Alderman Wick" oder Mr. Stephens. Ich habe nie viel über seine Frau nachgedacht. Gestern Abend gingen wir zu einem Dramenabend bei uns im Kaufmannsverein. Sie spielten gut, aber machten so lange Pausen, daß es lange dauerte und wir um 11Uhr nach Hause gingen, ohne auf den dritten Akt zu warten. Soldaten patrouillierten in unserer Straße. Zu unserem Erstaunen waren auch viele Nachtwächter und Polizisten unterwegs.
Babs ist wieder aufgewacht, sitzt auf Rudolfs Knie und sieht ihn ungeduldig an, wie er eine Birne für sie schält. Sie liebt Obst sehr und ißt jeden Tag 10 Trauben, manchmal ein auch Stück Birne, aber Obst ist im Winter furchtbar teuer. Eine Birne kostet 2 1/2Pence und Bananen 2 Pence. Wie beneide ich doch Eure billigen Bananen! Kommt Ihr uns nicht doch einmal besuchen: Ich wünsche es mir so, daß Ihr kommt. Du weißt niemand, der eine billige Überfahrt vermitteln kann? Erzähle mir mehr über das Schiff vom Freund von Mr. Sutherland. Kommt er geschäftlich hierher? Ich hoffe, daß die Häuser einen guten Erlös bringen werden. Ich bin sicher, daß Du froh bist, die ganze Aufregung überstanden zu haben, aber ich denke, daß sie sich nicht zu dem angesetzten Preis verkaufen lassen. Ich war so getroffen, als ich vom Tod von Mr. Moring in der Zeitung las. War er lange krank? Was meinst Du mit "Sicherheit"? Sicher wird mein Anteil in das Geschäft einfließen.
Babs tanzt mit Rudolf herum. Jetzt muß ich aber aufhören, weil wir mit ihr etwas mit ihrem Kinderwagen herausgehen wollen. Ich kann sie nicht mehr tragen, weil sie zu schwer geworden ist. Es ist unter meiner Würde. Deshalb mache ich es draußen auch niemals! Wir hatten hier einen wunderbaren Sommer und ich freue mich auf einen, der nächstes Jahr noch zehnmal schöner wird, wenn Baby gehen kann. Wenn nur diese schreckliche Zeit schon vorbei wäre!
Die Kosaken sind hier verhaßt. Wenn der Brief nicht zu schwer wird, lege ich noch eine Ansichtskarte von einem bei (Sie zeigt ihn genau). Wenn der Brief zu schwer ist, lege ich sie nächstes Mal bei. Weißt Du etwas von Ted? Mir tut seine arme Frau so leid.
Nun aber auf Wiedersehen mit lieben Grüßen an alle und Grüßen von Rudolf. Deine Lily.
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Alt 15.05.2010, 14:10
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Dokument 38; Riga, Sonnabend 26.11./09.12.1905

Lieber Arthur,
Heute nachmittag fährt ein Schiff nach London. Ich versuche daher, diesen Brief mit einem Passagier oder dem Kapitän mitzuschicken. Uns geht es soweit ganz gut, nur haben wir etwas Angst (Ich würde alles geben, wenn Baby nur in England in Sicherheit wäre). Wir haben keine Zeitungen und keine Post. Es fahren weder Züge, noch Straßenbahnen, noch Droschken und alle Geschäfte sind tatsächlich geschlossen. Alles ist alles vollständig zum Stillstand gekommen und Riga ist voll von Soldaten. Gestern konnte man auch zwei oder drei Kanonen in den Straßen sehen. Das erzählte Rudolf (ich bin nicht draußen gewesen). Man sagt aber, daß die Soldaten heute abgezogen werden sollen. Wenn das passiert, wird es das verrückteste sein, was sie bisher gemacht haben, da das Volk bereit zu morden und plündern ist. Die Sozialisten haben Proklamationen veröffentlicht, daß sie zum Kampf bereit sind und behaupten, daß in den Fabriken alle Männer sich große Messer gemacht haben.
Am Dienstag um 6Uhr abends wurden zwei Männer ganz in unserer Nähe in einer Straße, die so belebt ist wie die Market St., erschossen und wie üblich entkamen die Mörder. Man sagt, daß die Polizei Angst hat, sie festzunehmen. In zwei Fällen, in denen ein Mann als Zeuge ausgesagt hatte, wurde dieser hinterher erschossen. Gestern abend, als ich gerade ins Bett gehen wollte, hörte man zwei Schüsse in der Nähe. Danach war es ruhig, Ich denke, daß es ein Wachmann war, der auf einen Dieb schoß. Wenn wir doch nur mit diesem Schiff mitfahren könnten! Ein Frachter aus Belfast wurde gestern von einer Menge belagert, von der jeder weg wollte, aber ich kann nicht ohne Rudolf fahren. Wenn ich Babs nur irgendwie herüberschaffen könnte! Wenn der Mob losbricht, dann ist es mit uns vorbei, da wir nur ein einziges Treppenhaus haben und nicht flüchten können.
In der Zeitung stand letzthin eine mutige Geschichte. Ein fünfzehnjähriges Mädchen wurde für eine kurze Zeit mit einem Baby allein gelassen, während der Herr und die Herrin ausgingen. Jemand klingelte. Sie öffnete die Tür mit der Kette vor und sah drei Rowdies. Bevor sie es richtig bemerkte, schob der eine seinen Fuß in die Tür und versuchte die Kette zu aufzubrechen (sie meinte: "ich habe es gesehen"). Das arme Mädchen wurde mutig, da es in diesen Häusern viel schlimmer ist, als bei einer Tür zur Straße hin, rannte in die Küche und holte spitze Gabel und stach auf seine Hand ein, bis schließlich jemand (ich denke es waren die Eltern) zur Haustür hereinkam und sie störte, so daß sie flüchteten. Sie und das Baby wären sicher umgebracht worden, wenn sie hereingekommen wären. Ich habe jetzt keine Zeit, um mehr zu schreiben, da ich auch an Alf schreibe.
Liebe Grüße Deine Lily.
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Alt 15.05.2010, 14:12
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Fragment - Dokument 41: Dienstag im Dezember 1905:
... Wie bei den Telegrammen steht, wie wir sagen: "Übertragung unterbrochen!" Wir konnten vorher nichts schicken, weil vorher kein Schiff segelte. Gestern gingen wir wieder zum Kai, aber der Kapitän wußte noch nicht, wann er fahren würde, weil er keine Ladung an Bord bekommt. Er wollte noch vor Weihnachten mit Fracht ablegen. Er könnte genügend Passagiere bekommen, aber keine Fracht, wie er es wünscht. Man wird so klein, wenn man hört, wie diese Männer Menschen zweitrangig betrachten und Fracht bevorzugen. Heute, als ich aufwachte, hörte ich eine Straßenbahn fahren, sehe alle arbeiten und daß alles wie normal erscheint (außer der Eisenbahn und der Post), aber Sie bereiten einen großen Krawall zu Weihnachten oder im Januar vor. Auf die Banken ist ein großer Ansturm und keiner der Letten oder der anderen will Papiergeld haben. Wir haben gehört, daß sie am Sonnabend 100.000 Rubel in Gold von einer Bank geholt haben. Sie gingen gestern alle. Rudolf sagte, daß die Straße, die dorthin führt, heute auch fast wieder unpassierbar war. Ich denke, daß wir wieder eine Zeitung bekommen werden. Sonnabend, Sonntag und auch heute wieder hatten wir, außer für Babs, keine Milch. Mrs. Schultz hatte nicht einmal Milch für ihr Baby und auch kein Petroleum. Wir haben Katta am Dienstag losgeschickt, um 20 Stof zu kaufen und in einer Droschke zurückzubringen. Sie hatte große Angst, daß sie Überfallen würde.
Auf Wiedersehen L.B.K.
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